<- Kapitel 08
 
Kapitel 09
 
Opa Frank trifft seinen Sohn bei den Bullen.
 
 
Er ist bester Laune und singt ihnen mit seiner tiefen Stimme den alten Cowboysong Get along little Dogies vor.
Whoop-ee-ti-yi-o get along little doggies,
It's your misfortune and not of my own.
Whoop-ee-ti-yi-o get along little doggies,
You know that Wyoming will be your new home.

Mit little doggies sind Kälber und Rinder gemeint, die wieder auf neue Weidegründe getrieben werden zum auffüttern. Vor dem Bürgerkrieg bestand eine große Herde aus 1000 Stück Vieh, nach dem Bürgerkrieg wuchsen die Herden auf 2000-3000 Stück an. Man rechnete einen Cowboy auf 250 Stück Vieh, die Cowboys nannte man Hands. Die Cowboygruppen waren gewöhnlich 10-15 Mann stark. Der Führer hieß Trail Boss, die anderen teilten sich in Point Riders, die an der Spitze, Swing Riders, das waren die an den Seiten, die hin- und herritten und entlaufene Tiere zur Herde zurücktrieben und die Dragriders stellten die Nachhut. Dann gab es im Herdentrieb und auch bei den auf Weidegebieten ruhenden Herden die Night Rider oder Nachtsänger, die die Herde mit Traditional Cowboyliedern beruhigten. Das war ein anstrengender Job die ganze Nacht in und um die Herde zu reiten und beruhigende Songs zu singen - war aber tatsächlich im Westen so gebräuchlich.

Opa Frank weiß, dass Jess automatisch singt, Probleme mit sich wälzt und nicht auf die Außenwelt achtet. So donnert er gleich los: Mr. Jess Arthur Harper, ich muss mit dir sprechen, sofort!"

Der Ton duldet schon keinen Widerstand. Jess zuckt zusammen. Wenn der alte Herr mit diesem schrecklichen zweiten Vornamen kam, dann wird es kritisch und man muss sich fügen.

Er zieht seinen Kopf ein und fühlt sich wie ein 8jähriger Schuljunge, den man bei etwas Verbotenem ertappt hat. Gut, denkt Jess, vielleicht sollten wir wirklich reden. So geht es ja auch nicht weiter. Er macht das Tor zum Zaun der Bullenweide zu. Die beiden Männer gehen ins Ranchhaus und setzen sich an den Küchentisch.

Opa Frank:
Ich habe von Laura gehört, dass du auf dem Friedhof warst. Warum hattest du keine Zeit früher nach Hause zu kommen, deine Ma noch einmal zu sehen? Von Friedhofsgängen hat sie nichts.
Vorher hätte sie dich gebraucht.

Jess:
Ich hatte meine Gründe. Eigentlich wollte ich damit nicht rausrücken um euch alle zu schonen. Ich habe es auch erst von Laura gehört, dass ihr gewusst habt, dass ich meine Dollars mit Bullenreiten verdiene. Ich habe dir gelegentlich bei der Buchführung über die Schulter gesehen und habe begriffen, dass alles wegen dem falschen Schwergewicht auf Mulizucht den Bach runtergeht. Du hast mich einmal mit nach Denver genommen auf ein großes Rodeo und dort habe ich gesehen, wie diese Burschen und besonders die Bull Rider bewundert werden und viele Dollars machen. Da war ich noch zu jung. Hast du eigentlich mitbekommen, dass ich als ich etwas älter war, mich Abends heimlich aus dem Haus geschlichen und zu Hendersons Rindern geritten bin? Ich habe dort den Nightrider gemacht und gutes Geld dafür bekommen. Allerdings hat es nicht gereicht, eine Ranch zu retten. Ich habe erst überlegt Cowboy, irgendwann vielleicht Trailboss sein, aber nachdem ich die erste und einzige Stampede erlebt habe, hatte ich die Nase voll. Der Koch hat nicht aufgepasst und hat eine Pfanne auf die anderen geworfen. Es schepperte wie Teufel und die Viecher stürzten los wie die Wilden. Dann darfst du alles machen, aber nicht vom Pferd fallen. Mit Singen brauchst du auch nichts mehr versuchen.
Ich bin irgendwie in die Flanke der Herde gekommen und habe mit der Winchester geschossen und sie dadurch ablenken können von den schlafenden Cowboys. Die waren zwar wie der Blitz hoch, aber den alten Ben hat es trotzdem erwischt. War kein schöner Anblick!

Opa Frank
Junge, du warst Stadtgespäch in Laramie. Ich war so stolz auf dich.

Jess
Toll Vater, dass man das auch mal hört! Ich habe von Hendersen eine ordentliche Zulage bekommen und das reichte für das Railticket nach Calgary zur Calgary Stampede, eines der größten Rodeos.

Opa Frank
Verrat mir nur mal wie du erkannt hast, dass es nicht so gut um die TWR bestellt war? Deine Rechenkünste sind ja ziemlich minimalistisch gewesen. Keine Ahnung wie es heute ist Junge!
Als ich dir das Gewehr geschenkt hast meintest du noch du würdest am liebsten Abraham Lincoln erschiessen, der Reading , wRiting und aRithmetic, die three Rs, eingeführt hat. Jedes Kind soll lesen, schreiben und rechnen lernen. Du hast es mir nie leicht gemacht Junge.

Jess schallend laut lachend
Wollte ich das wirklich, weiß ich gar nicht mehr. Ich war auf der Bank von Laramie und habe nachgefragt. Du hättest keinen Cent Kredit mehr bekommen. Keine Vorräte mehr da, kein Futter fürs Vieh, nichts, außer Ma, deren Krankheit auch einiges kostete. Da musste ich doch handeln.
Zuerst habe ich etwas Planwagenrennen gefahren. Muligespanne kannte ich, das war nur etwas flotter. (glattes Understatement von Jess). Bronco riding war auch ganz o.k., aber nicht so gut bezahlt. So schlimm ist Bull Riding nicht wie es aussieht. Ich muss gestehen, das erste Mal waren es wohl die längsten 8 Sekunden meines Lebens, die man sich auf so einem Vieh halten muss, aber man gewöhnt sich dran. Der Bulle hat einen Gurt drum, du brauchst nur deine Chaps, Handschuhe und dein Bullrider Rope. Das hat am Ende ein Gewicht, damit es sofort auf den Boden fällt wenn man loslassen muss. Du hälst dich auf dem Bullen mit deinem Rope, das wird mordsheiß, daher Handschuhe und darfst mit dem anderen Arm weder dich selbst noch den Bullen berühren.
Wenn die 8 Sekunden um sind ertönt ein lauter Pfiff und du kannst loslassen, danach bloß fix weg aus dem Bereich des Bullen. Hier kommen die Clowns ins Spiel, die den Bullen ablenken, bis man sich als Reiter in Sicherheit gebracht hat. Bewertet wird das Bocken vom Bullen und wie sich der Reiter gehalten hat. Höchste Punktzahl ist 100. 80-90 ist schon sehr gut, wenn man die schafft.

Opa Frank
Sorry, aber nach leichtem Geldverdienen hört sich das aber nicht an.

Jess
Habe ich das behauptet? Ich wollte nur nicht, dass ihr euch zu viele Sorgen macht. Ich habe in der Zeit jedenfalls viele Städte gesehen und mit meinen Kumpels viel Spaß gehabt.

Opa Frank
Sag mal, dir müssen die Mädels doch hinterhergelaufen sein?

Jess
Dad, so genau musst du es auch nicht wissen und vor allem Laura nicht, o.k.

Opa Frank
Sohn, das beantwortet aber immer noch nicht meine Frage warum du nicht eher auf der Ranch warst.

Jess
Willst du es wirklich hören Dad? Es gibt bei uns Bull Ridern den Spruch
"it's not if you get hurt, it's when." Genau das ist mir passiert unten in New Orleans. Ich hatte einen Bullen der Big Bad John hieß. Er war groß und er war schlecht. Ich weiß bis heute nicht was es war, es sind wohl mehr Dinge zusammengekommen. Durch die Schwüle habe ich unheimlich geschwitzt und meine Hände waren nass. Der Typ an der Chute war neu und hat mein Blinzeln als "bin fertig" gewertet, dabei hatte ich Sand im Auge. Das Vieh stürmt los guckt nach rechts, ich richte mich links aus und der Bulle tuts auch. Eigentlich drehen sie sich dorthin wohin sie sehen, dieser nicht. Irgendwie bin ich die 8 Sekunden oben geblieben, dann kam das Klingelsignal und dann ging alles ganz schnell. Ich habe nur Big Bad Johns heißen Atem gespürt und gedacht er tritt mich ins Gesicht, hatte aber den Arm ausgestreckt und ich habe es nur noch knacken hören. Danach war ich weg. Das muss ziemlich lange gewesen sein. Ich bin dann im Krankenhaus von New Orleans wach geworden und dachte ich bin in der Hölle gelandet. So heiß war es da. Dann kamen Frauen in weißen Gewändern, die eine fremde Sprache gesprochen haben. Die rüttelten an mir und haben mir etwas erzählt was ich aber nicht verstanden habe. Ich habe gedacht, vielleicht sind es Engel, aber die sahen auf den Bildern in der Sonntagsschule anders aus. Darauf, dass man im Himmel nicht mehr amerikanisch spricht, war ich auch nicht vorbereitet. Ich habe eine Weile gebraucht um zu begreifen, dass es französich sprechende Krankenschwestern waren, nicht die Hölle, aber auch nicht der Himmel. Verdammt kann ich nur sagen! Dann kam ein Arzt, der mir endlich sagen konnte, dass ich die Narkose wohl schlecht vertragen habe, beide Knochen vom Unterarm hin waren, aber er hat sie wieder zusammengeflickt. Mein Glück war, dass ich den Arm vor dem Ritt gut getapt habe. Man bandagiert und lässt nur das Ellenbogengelenk aus. Daher war alles nicht zu dreckig und der Doc konnte es richten. Mein Glück war der sehr tiefe Sand, sonst hätte es wohl den Arm gekostet.
Danach hatte ich die Schnauze voll vom Bullenreiten. Hab hinterher noch von meinen Kumpels gehört, dass sie größte Mühe hatten diesen Big Bad John von mir weg zu bekommen. Die sind alle in die Arena. Zwei haben mich geschnappt und alle anderen dieses Vieh abgelenkt. Danach war ich wochenlang in New Orleans und musste mich auskurieren.
Ich habe euch einen Brief geschickt etwas krakelig mit der anderen Hand geschrieben. Ist der nie angekommen?

Opa Frank
Ich kann es gar nicht glauben. Hier ist nie ein Brief angekommen. Junge, das tut mir alles so leid. Ich habe dir wohl sehr Unrecht getan.

Jess
Ist vorbei Dad! Meine Zahlung habe ich noch bekommen. Dir wird ja nicht entgangen sein, dass ich alle Kredite, die du aufgenommen hast, abbezahlt habe und das Konto wieder ganz gut gefüllt ist. Unser Familienerbstück, den Sattel mit den Adlerköpfen, den du verkaufen musstest, konnte ich auch zurückkaufen. Ich mache mir die größten Vorwürfe, dass ich es nicht mehr rechtzeitig geschafft habe Ma lebendig zu sehen, aber ich hätte dort unten in New Orleans auch jemanden von euch brauchen können, aber es sollte wohl so sein. Du siehst Dad, ich konnte wirklich nicht.

Jess`Vater schweigt betreten und nimmt seinen Sohn fest in den Arm.
"Mensch Junge, du hast nie die Liebe zu uns und zu unserer Ranch vergessen"

Jess
Nein, ich hatte immer ein Foto von euch beiden und von Laura in der Tasche.