<- Kapitel 105
 
Kapitel 106
 
Jess beschließt den Rat seines Vaters anzunehmen und legt sich in sein Bett. Er weiß, dass er sich auf Patrick verlassen kann was die Ranch betrifft. Dafür hat er im Moment ohnehin keinen Kopf nach allem was passiert ist. Er schläft nur sehr unruhig und nicht lange. Ihm kommen dauernd die Bilder von Katie mit der Nabelschnur um den Hals und Laura in den Kopf. Er murmelt vor sich hin:
Das hält ja kein Mensch aus. Ich ziehe mich wieder an und reite nach Laramie. Ich muss einen Kindersarg besorgen. Hilft ja nichts! Ich muss hier erstmal raus.

Jess sattelt seinen schnellen Sabola und reitet in vollem Galopp nach Laramie.

 
 
Er treibt ihn rücksichtslos zu immer schnellerem Galopp an. Auf der ganzen Strecke macht er keine Pause oder schlägt wenigstens eine langsamere Gangart ein. So brettert er wie ein Verrückter die Mainstreet bis zum Ende der Stadt herunter wo sich Harrys Mietstall befindet. Die Leute springen an die Seite, eine ältere Lady lässt vor Schreck ihren Einkaufskorb fallen, andere holen schnell die Kinder von der Straße. Der Sheriff guckt aus dem Fenster seines Büros und schüttelt nur seinen Kopf.

Jess stoppt Sabola abrupt am Mietstall, wo sein Schulfreund Harry gerade ein Hufeisen in Arbeit hat. Er ist ein Schrank von Mann und Besitzer des Mietstalls, Schmied und Stellmacher in einer Person. Jess hat gerade einen Fuss aus dem Steigbügel, da kommt Harry, reißt ihn vom Pferd und wirft ihn mit voller Wucht in einen Strohhaufen. Sein Rücken trifft die Bretter zur nächsten Pferdebox in der das dort untergebrachte Pferd wiehert und steigt. Jess hat körperlich keine Chance gegen Harry und wettert:
Was soll das denn Harry?

Harry ist nur noch wütend.
Eigentlich will ich dir ja nicht weh tun, aber du hast doch nicht mehr alle Latten am Zaun Jess. Du bretterst in die Stadt wie ein Wilder, guck dir dein Pferd an! Es hat Schaum vorm Maul, zittert, ist klatschnass und kurz vor dem Umfallen. So geht man nicht mit Pferden um! Gerade du predigst immer, dass man schonend reiten soll. Was soll das?

Jess schüttelt sich nur und klopft sich das Stroh aus seinen Klamotten.
Leck mich doch Harry, ich bin jetzt beim Bestatter und anschließend im Saloon. Kümmer dich um den Gaul!

Harry schüttelt seinen Kopf, nimmt dann aber Sabola, sattelt ihn ab, reibt ihn trocken und legt ihm dann eine Decke über.

Jess geht zum Bestatter, der Bescheid weiß was passiert ist. Er hat es vom Reverend gehört bei dem Grandpa Frank schon am Morgen vorgesprochen hat als Jess schlafen gegangen ist. Der guckt sich um und befindet die Kindersärge zu groß. Er sieht dann doch noch einen sehr kleinen schlichten weißen Sarg mit schwarzen Beschlägen in einer Ecke für den er sich entscheidet. Er ist sehr erstaunt als er vom Bestatter hört, dass der Reverend am nächsten Tag bei der Beerdigung ein paar Worte sprechen will und meint:
Ich dachte immer die Kirche interessiert sich nicht für Totgeburten. Mir hat der Reverend gerade noch zum Glück gefehlt. Mein Dad hat es sicher für Laura gemacht. Egal, bring den Sarg zur Ranch, hier sind die Dollars! Wenn mich jemand sucht, ich bin bei Sam im Saloon und werde mich jetzt besaufen. Wenn ich die Trauer nicht wegreiten kann klappt es ja hoffentlich mit Vergessen wenn ich mich hemmungslos volllaufen lasse.

Im Saloon verlangt er gleich einen doppelten Whisky und hält sich gar nicht erst mit Bier auf. Er trinkt das Glas in einem Zug. Sam fragt:
Willst du noch ein Glas?

Jess erwidert:
Was soll ich mit noch einem leeren Glas? Stell mir gleich die Flasche hin!

Sam schüttelt nur den Kopf und wundert sich. Die schöne Rosanne kommt die Treppe herunter und sieht Jess. Das Saloongirl strahlt ihn an:
Da ist ja unser Sunnyboy von der Tumbleweed. Du warst aber schon lange nicht mehr hier.

Jess knurrt:
Lass mich in Ruhe! Ich will mich einfach nur besaufen und vergessen.

Rosanne legt ihren Arm um Jess`Hüfte und zieht ihr Kleid hoch bis man die Spitze ihres Dessous sieht.
Komm doch mit rauf in mein Zimmer! Da vergisst du alles.

Jess nimmt ihren Arm weg und meint:
Sorry Rosanne, du setzt auf den falschen Hengst. Ich betrüge meine Frau nicht. Such dir dafür einen anderen Gentleman, hier sind ja genug!

Inzwischen kommen Harry und John aus dem Laden, werfen dem Saloonbesitzer den Dollar für den Whisky hin und schleppen Jess ab ehe der Sheriff auftaucht. Sie gehen mit ihm in Johns Wohnung und flössen ihm warmen Kaffee ein worauf er nach den zwei doppelten Whisky ziemlich schnell wieder klar ist. John brät ihm noch ein Steak, weil er Jess ansieht, dass er heute noch nichts gegessen hat.

Harry und John sind zufrieden. Harry meint:
Manchmal ist Besaufen ja nicht schlecht, aber nicht jetzt nach allem was war Jess. Du gehörst nach Hause zu deiner Familie. Nimm dein Pferd und reite langsam wieder nach Hause!

Jess bedankt sich bei Harry und John mit den Worten:
Danke, es geht doch nichts über gute Freunde. Ich glaube ich habe ziemlichen Bullshit gebaut.

Wieder auf der Ranch entlässt Jess Sabola auf die Weide.

 
 
 
Lauf mein Junge! Ich schäme mich so, ich verspreche dir, dass so etwas nie wieder vorkommt.

Zuhause wartet Jolene auf ihren Dad und überfällt ihn gleich mit dem Wunsch, dass sie ihre kleine Schwester Katie sehen möchte. Jess schluckt und meint:
Bist du wirklich sicher Jolene, dass du es möchtest?

Jess weiß, dass Abby die Nabelschnur entfernt hat. Jess hat der Kleinen den kleinsten Strampelanzug von Loretta angezogen und nun sieht sie aus als ob sie schlafen würde. Er überlegt ob er es seiner Großen zumuten kann. Er weiß aber, dass sie durch den frühen Tod ihrer Mutter Melva viel reifer ist als andere Kinder in ihrem Alter. Jolene streichelt ihre kleine Schwester und legt eine kleine Puppe neben sie von der Jess weiß, dass sie diese Puppe sehr liebt. Er kämpft schon wieder mit seinen Gefühlen. Jolene merkt es, umarmt ihren Vater und meint:
Jetzt hat meine Mom im Himmel wieder ein kleines Mädchen. Sie wird gut auf Katie aufpassen. Auf Raylan passen wir alle auf.

Dann läuft sie wieder zu Loretta und die beiden spielen zusammen. Jess denkt, manchmal sind Kinder zu beneiden, sie vergessen schneller.

Dann reitet er zum Familienfriedhof und hebt das Loch für den Sarg aus. Frank wundert sich, dass Jess nicht wiederkommt und reitet hinterher.

 
 
Er sieht, dass Jess verschwitzt ist und die Erde in hohem Bogen durch die Luft fliegt.

Frank ruft:
Jess, hör auf! Es reicht, in das Loch muss kein Pferd passen. Junge ich verstehe dich ja, du willst dich abreagieren. Aber das ändert nichts! Lass deine Trauer endlich raus!

Jess wirft die Schaufel an die Seite und guckt seinen Vater traurig an. Er zittert und die Tränen fließen. Frank nimmt seinen Sohn in die Arme.
Endlich, lass es raus Junge, nicht nur Laura, auch du hast ein Kind verloren!

Nach diesem Ausbruch geht es Jess etwas besser. Er weiß wie wichtig der Abschied von der toten Kleinen ist, die Laura noch nie gesehen hat. Er geht mit dem toten Baby zu Laura, die sich erst weigert, Katie anzusehen. Jess hält Katie so vorsichtig in seinen Armen als würde sie noch leben. Er spricht mit Laura, die im Bett liegt:
Laura, guck dir unsere wunderschöne Tochter an! Du musst Abschied nehmen. Morgen kommt der Reverend und wir müssen Katie begraben damit sie endlich ihre Ruhe findet. Sieh sie an, Laura, sie ist dir so ähnlich! Du wirst mich hassen, wenn ich dich jetzt nicht dazu zwinge. Du wirst immer denken, du hast etwas verpasst. Tu es für dich, für uns beide, es macht das Unglück nicht ungeschehen aber vielleicht etwas erträglicher.

Laura sieht erst in das Gesicht von Jess, der sich alle erdenkliche Mühe gibt lieb zu ihr zu sein und dann doch auf Katie. Jess drückt sie ihr in die Arme. Laura ist überwältigt von ihren Gefühlen.
Wie schön sie ist! Warum durfte sie nicht leben?

Dann rollen bei ihr die Tränen und sie hört gar nicht wieder auf zu weinen. Jess hält Laura in seinen Armen.
Lass es raus Laura, sonst erstickt man an seinen ungeweinten Tränen. Es ändert nichts, aber es tut gut. Das habe ich heute von meinem Vater gelernt. Er war für mich da als ich es brauchte. Im Moment ist von deinem smarten Bullrider nicht viel übrig geblieben. Mir ist das auch alles zuviel Laura. Es ist ein Unglück für das niemand etwas dafür kann, ich nicht, du nicht. Du hast alles richtig gemacht und dich geschont in der Schwangerschaft. Wir müssen lernen damit zu leben. Jolene, Loretta und Raylan brauchen uns.

Bei sich denkt Jess:
Ich fürchte mich schon vor morgen. Was wird uns dieser Tag bringen? Ich wünschte er wäre schon vorbei.