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Kapitel 110
 
Der nächste Morgen bricht an und Jess wacht mit den ersten Sonnenstrahlen, die durch das Tipi dringen, auf. Er nimmt seinen kleinen Spiegel und Rasiermesser, wäscht sich draußen und bittet dann einen größeren Lakotajungen den Spiegel zu halten. Sofort steht eine Traube Lakotakinder um ihn herum. Jess grinst:
Halt den Spiegel höher sonst kriege ich es im Rücken! Ihr lasst euch wohl jetzt die Ein-Mann-Show nicht entgehen.

Ein kleines Mädchen mit einer Puppe in der Hand kommt und wagt es Jess im Gesicht zu berühren.

 
 
Sie verzieht das Gesicht. Jess lacht:
Kratzt, das ist auch die Reaktion meiner Girls, ich darf nicht mal einen Suppennudelfilter wachsen lassen wie mein Dad. Die Lakotamänner haben es gut, die haben höchstens etwas Flaum.

Jess lacht und rasiert sich weiter. Er macht immer einen freundlichen Eindruck auf die Kinder der Lakota. Laura beobachtet ihn und die Kinder und versteht nicht, dass er so einen unbeschwerten Eindruck nach außen macht. Als er fertig ist kontrolliert er noch einmal sein Gewehr. Dann taucht der Medizinmann Takoda mit einem Trank auf, den er Jess mit den Worten gibt:
Trink das, es wird dich stark und ausdauernd machen! Ich habe die Geister um Hilfe gebeten. Wir brauchen dringend das Fleisch.

Jess trinkt aus und fragt Takoda:
Am besten wäre ein größeres Tier wie ein Büffel. Wie viele gibt es hier noch? Ich habe schon lange keinen mehr gesehen.

Takoda guckt ihn traurig an und hebt seine beiden Hände dreimal in die Höhe.

Jess antwortet:
An die 30, das ist nicht viel. Der weiße Mann hat sich an der Natur versündigt. Dafür schäme ich mich. Ich werde mein Bestes tun euch Fleisch zu bringen. Was für ein Pferd hast du jetzt für mich Takoda? Ich muss aufbrechen damit ich einen langen Tag nutzen kann.

Der Medizinmann nimmt ihn mit zu den Pferden und zeigt ihm das Ausgesuchte. Jess sieht sofort, dass es etwas Besonderes sein muss. Er sieht die verwunderten und auch neidvollen Augen der jungen Krieger und lenkt gleich ein.
Takoda, ich will keinen Ärger. Es muss nicht dieses Pferd sein. Das da drüben sieht auch stark und schnell aus.

Jess zeigt auf einen schönen Appaloosa.

 
 
Takoda schüttelt den Kopf.
Du bist ein Krieger. Du wirst das Pferd des großen Geistes reiten. So ein Pferd gibt es nur einmal in jedem Stamm. Es hat den Medicine Hat und die Pranke des Grizzly Bärs. Seine Kraft wird auf dich übergehen. Er ist die Wiedergeburt von Sunka Tanka, was in eurer Sprache "Der große Hund" bedeutet. Du wirst mit ihm eins sein und so schnell wie der Wind.

Wenn Takoda sich etwas in den Kopf setzt kann ihn niemand davon abbringen. So steht Jess da mit Sunka Tanka, der ein indianisches Zaumzeug trägt und nimmt Kontakt zu ihm auf. Als Pferdezüchter ist ihm gleich klar, dass es sich bei dem Hengst um einen seltenen Pintaloosa, einer Mischung aus Pinto und Appaloosa, handelt.

 
 
Der Morgen ist sehr kalt und auf dem Gras liegt Rauhreif. Jess nimmt Kontakt zu Sunka Tanka auf, sieht ihm in die Augen.
 
 
Takoda berührt Jess.
Du bist ein Krieger und kannst ohne den Sattel der Weißen reiten. Ich weiß es. Noch etwas, ich habe gestern einen der jungen Krieger zu deiner Ranch geschickt. Er hat beobachtet, dass dein Vater mit deinem kleinen Sohn draußen an den warmen Sonnenstrahlen in seinem Schaukelstuhl saß. Es geht deinem Sohn gut. Nun ist dein Herz leicht und du kannst ohne schwere Gedanken auf die Jagd gehen. Viel Glück Grauer Wolf!

Jess lächelt und bedankt sich bei Takoda für die gute Nachricht. Laura sieht ihn lächeln, aber sie hat die Worte des Medizinmanns nicht verstanden weil sie zu weit weg steht. Wieder versteht sie ihren Mann nicht wie er einfach auf die Jagd gehen kann. Jess reitet los.

 
 
Zuerst reitet Jess langsam um sich auf Sunka Tanka einzustellen. Die Beiden harmonieren gut. Das Getränk des Medizinmanns wirkt und Jess überlegt:
Wow, was ist das denn? Ich fühle mich als hätte ich kannenweise das Gebräu von Kaffee von Hendersons Koch gesoffen wie in meiner Cowboyzeit als Nightrider bei Hendersons Cowboys. Mit dem Zeug steht man senkrecht im Sattel und an Schlafen ist so schnell nicht zu denken. Das Gebräu von Takoda ist ja noch weit schlimmer. Meine Gedanken hämmern, ich muss zum Schuss kommen. Los Sunka Tanka, schneller, da hinten bewegt sich was.

Im Gebüsch röhrt es und zwei Wapitihirsche treten hervor. Ein alter Wapiti, dem sich ein junger Hirsch angeschlossen hat, kommt auf die Lichtung. Der junge Hirsch folgt dem Älteren. Jess ist ganz ruhig, er legt an, hält dem Atem an und feuert auf den jungen Wapiti, der sofort nach einem sicheren Schuss ins Herz umfällt. Der alte Hirsch rennt los so schnell er kann. Jess feuert Sunka Tanka an - Los, hinterher, schneller, schneller!

Ein Wapiti ist deutlich größer als ein Rothirsch. Der Name stammt von den Shawnee Indianern und bedeutet weißes Hinterteil. Nur Elche sind größer.

Wapitis haben eine Schulterhöhe von 0,75 bis 1,5 Metern und wiegen 230 bis 450 Kilogramm. Die Männchen sind meist etwa doppelt so schwer wie die Weibchen. Die Geweihe der Tiere messen 1,0 bis 1,5 Meter von Spitze zu Spitze. Wapitis sind bekannt für ihre lauten trompetenden Rufe während der Brunftzeit. Sie können sehr schnell laufen bei Gefahr und der alte Hirsch spürt die Gefahr deutlich. Jess verlässt sich auf Sunka Tanka, lässt die Zügel schießen und lädt das Gewehr in vollem Galopp nach. Der Hirsch ist schnell aber nicht schnell genug. Jess kommt auf Schussnähe an ihn heran, hält den Atem an, zielt und trifft. Er setzt noch sofort einen zweiten Schuss hinterher um sicher zu gehen, dass das große Tier auch schnell stirbt. Dann reitet er hin und stellt fest, dass sein erster Schuss schon voll ins Herz getroffen hat. Er ist zufrieden mit der Jagd, lässt Sunka Tanka grasen und schießt dreimal in die Luft. Das ist das vereinbarte Zeichen, dass die Squaws kommen können. Alle weitere Arbeit liegt in den Händen der Lakotafrauen, die mit Travois kommen und die toten Hirsche aufladen und zum Lager ziehen.

Während Jess mit der Jagd beschäftigt ist, spaziert Laura allein durch das Lager und beobachtet die Frauen. Dann kehrt sie wieder zum Tipi von Chato und Leotie zurück und steht allein und in sich gekehrt davor. Eine Lakota in ihrem Alter kommt angeritten mit ihrem kleinen Mädchen in der Trage.

 
 
Sie steigt ab und hängt Laura die Trage mit ihrem Kind um. Danach verschwindet sie wortlos und schließt sich der Gruppe Frauen an, die das Lager mit Travois verlassen um das geschossene Wild zu holen. Laura erinnert sich an die Worte von Jess, dass jeder Babysitter und freundlich zu Kindern ist. Was niemand vorher geschafft hat gelingt dem kleinen Indianermädchen. Es lächelt Laura an und sie lächelt zurück. Sie weiß nicht, das Takoda es so eingefädelt hat. Er kommt und spricht Laura an:
Shenandoah, ich sehe, dass Chenoa dir ihr Kind anvertraut hat. Erweise dich würdig! Was meinst du wie alt ist das kleine Mädchen?

Laura schätzt:
Ich denke die Kleine ist zwei Monate alt, ein süßes Mädchen!

Takoda:
Du irrst, Chenoas Mädchen ist vier Monde alt. Sie lebt und es geht ihr gut. Guck dir den jungen Krieger dahinten an!

Takoda zeigt auf einen Jungen, der sicher auf seinem Pony sitzt.

 
 
Das ist Kangee. Er ist sechs Wochen zu früh geboren wie euer Sohn. Als der Graue Wolf zur Jagd aufgebrochen ist, habe ich ihm gesagt, dass ich gestern einen Krieger zu eurer Ranch geschickt habe. Der Vater vom Grauen Wolf saß mit eurem Sohn auf dem Schaukelstuhl in den warmen Strahlen des Sonnenlichtes. Es geht ihm gut.

Takoda guckt Laura durchdringend an, nimmt sie an den Schultern und schüttelt sie.
Shenandoah, komme zu dir! Du hast Schlimmes erlebt, aber der Große Geist lässt auch Gutes geschehen. Eurem Sohn geht es gut. Er wird leben. Der Graue Wolf leidet wie ein Hund weil es dir so schlecht geht und du dich nicht um deinen Sohn kümmern kannst wie es eine Mutter normalerweise tut. Komme zu dir, sei ihm wieder eine gute Frau und deinen Kindern eine gute Mutter so wie vorher! Du hast Mauern um dich gebaut um kein Elend mehr zu erleben, reiße sie ein! Es besteht kein Grund für Mauern. Dein Mann ist ein großer Krieger, er kann auf sich aufpassen, dein Sohn wird leben, er ist stark.

Laura sieht Takoda an. Seine Worte sind zu ihr durchgedrungen. Er hat eine Art an sich, der sich Laura nicht entziehen kann. Sie sieht ihn an und stammelt:
Was habe ich getan? Was habe ich meinem Mann und meinem Sohn angetan?

Die Tränen fließen. Takoda nimmt sie in seine starken Arme.
Shenandoah, es ist nicht zu spät für euch. Dein Mann wartet nur auf ein Zeichen von dir. Gib es ihm und alles wird gut! Auch für deinen Sohn ist es nicht zu spät. Er braucht dich so sehr.

Laura fragt Takoda:
Warum heißt mein Mann bei euch Grauer Wolf?

Der Medizinmann antwortet:
Ich kenne ihn seit er 16 Jahre alt ist und Chato ihn als Blutsbruder mit in unser Lager gebracht hat. Er hat sich immer unseren Bräuchen angepasst. Er hat von seinen Eltern erzählt und sie geachtet. Ich wusste, dass er Führungsqualitäten hat. Er hat uns vor der Bürgerwehr aus Laramie und den Soldaten beschützt als sie hinter uns her waren. Er ist wie der Graue Wolf, den ihr Weißen Timberwolf nennt. Er hat Führungskraft und einen außergewöhnlichen Familiensinn. Familie ist für ihn das Wichtigste.

Dann geht Takoda und lässt Laura mit ihren Gedanken und dem kleinen Lakotamädchen in der Trage stehen.

Jess kommt zurück und sieht sie mit der Trage umgehangen stehen.

 
 
Er sieht, dass Laura liebevoll mit dem Kind spricht und hält sich im Hintergrund. Er freut sich, dass ihr starrer Ausdruck im Gesicht verschwunden ist und wartet ab. Chenoa kommt zurück und nimmt Laura das Kind ab. Sie bedankt sich nicht, weil es bei den Lakota einfach selbstverständlich ist auf andere Kinder aufzupassen.

Laura sieht ihren Mann an und nimmt ihn an den Händen.
Jess, was habe ich bloß getan? Was habe ich dir und Raylan angetan?

Der Abend ist kalt, Laura ist sehr aufgewühlt und zittert vor Kälte. Jess führt sie ins Tipi und legt liebevoll eine warme Decke um sie. Sie zieht ihn zu sich unter die Decke.
Mir ist so kalt, wärme mich, halt mich fest! Ich liebe dich doch über alles, warum habe ich es nicht zugelassen? Takoda hat mir den Weg gezeigt, dass es falsch ist was ich mache. Du hast nie die Liebe verloren Jess, egal was passiert. Ich verdiene dich gar nicht. Was habe ich bloß getan?

Jess nimmt sie in seine Arme und flüstert ihr leise zu:
Laura, du hast auch nie die Liebe vergessen. Sie war nur verschüttet, das ist alles. Nun wird alles wieder gut. Lass uns gleich morgen früh beim ersten Sonnenlicht packen und zur Ranch zurückfahren! Dort sind die Girls und so ein kleiner Knopf, der auf eine liebevolle Mom wartet. Es ist nicht zu spät. Wir sind doch eine Familie und gehören zusammen.

Chato und Leotie stehen vor ihrem Tipi. Takoda hält sie zurück.
Kommt mit zu mir! Wir essen von dem Fleisch. Die Beiden sollen jetzt allein sein. Für sie ist der Hunger nicht wichtig. Es geschieht etwas Wunderbares! Es kommt wieder zusammen was zusammengehört.

Die Lakota feiern bis tief in die Nacht die gute Jagd. Endlich gibt es gutes Fleisch und für alle genug zum Sattwerden. Als Chato und Leotie spät in der Nacht in ihr Tipi gehen, finden sie Laura und Jess eng umschlungen tief eingeschlafen vor. Beide haben einen zufriedenen Gesichtsausdruck.

Am nächsten Morgen packen Laura und Jess ihre wenigen Sachen. Laura sagt Jess:
Bevor wir fahren muss ich noch etwas erledigen.

Sie geht weg und gibt Chenoa ihre warme Decke. Sie lächelt die weiße Frau an und freut sich über das Geschenk. Laura haben die löcherigen Decken sehr zu denken gegeben. Jess sieht es mit Wohlwollen. Sie bedanken sich bei Chato, Leotie und Takoda für die freundliche Aufnahme. Jess drückt lange Takodas Hand. Der Medizinmann weiß genau, dass es ein Dankeschön für seine Hilfe ohne viel Worte ist. Jess fährt los und ruft zurück:
Ich komme wieder mit einem neuen Schlagbolzen für Chatos Gewehr und mit dem Regierungsagenten für indianische Angelegenheiten werde ich auch sprechen.

Jess treibt Shandor zur Eile und so kommen sie noch vor dem Mittag wieder auf der Ranch an. Jeremy nimmt Jess Shandor und Cart ab und er nimmt Laura an die Hand und so kommen sie ins Haus. Frank sieht gleich, dass etwas Wunderbares passiert sein muss. Die beiden Mädchen begrüßen ihre Eltern stürmisch. Laura setzt sich hin und nimmt den kleinen Raylan, der sie erstaunt ansieht.

 
 
Sie gibt ihm sein Fläschchen und legt ihn dann liebevoll zurück in sein Bettchen.
 
 
Jess und Frank sind glücklich über Laura, der es wieder besser geht. Sie kann jetzt endlich Raylan in ihre Arme schließen und ihm all die Liebe geben, die er braucht wozu Jess grinst:
Etwas Liebe lass aber auch für mich über, ich brauch das auch! Aber jetzt brauch erstmal ein Steak mit Kartoffeln, dann muss ich in die Stadt mit dem Mister Regierungsagenten für indianische Angelegenheiten sprechen, der lernt mich kennen, das schwör ich euch! Wenig fettes Dörrfleisch, Mehl mit Mehlwürmern, verfaulte Äpfel, die ich nicht einmal Schweinen füttern würde, den Lakota geht es sehr schlecht. Der Kerl lernt mich kennen.

Genau so passiert es. Jess reitet noch am selben Nachmittag nach Laramie und nimmt sich den Regierungsagenten vor. Er droht ihm einen Brief nach Washington zu schicken und dort die Politiker über seine Machenschaften aufzuklären, also lenkt dieser lieber ein. Jess kann am nächsten Tag schon einen Wagen voller Lebensmittel ins Indianerlager fahren. Er bricht gleich beim ersten Morgengrauen auf und verspricht Laura höchstens eine Nacht bei den Lakota zu verbringen.

 
 
Für den Einbau des Schlagbolzens braucht Jess Tageslicht. Er wird mit großer Freude im Lager der Lakota empfangen. Alles stürzt sich auf den Wagen. Fleisch, Obst, Mehl, alles wird gerecht unter den Familien verteilt. Als Jess am nächsten Tag wieder auf der Tumbleweed zurück ist, sieht er mit Freude, dass Laura mit dem kleinen Raylan spielt.
 
 
Er meint dazu:
Endlich sind wir wieder eine glückliche Familie und alles ist so wie es sein sollte. Wir werden Katie nie vergessen, aber wir haben auch großes Glück mit unseren drei Kindern, die Eltern brauchen, die für sie da sind und sie lieb haben.

Grandpa Frank freut sich, dass endlich wieder das Glück auf die Tumbleweed zurückgekehrt ist.