<- Kapitel 110
 
Kapitel 111
 
Endlich läuft wieder alles in geordneten Bahnen auf der Ranch. Patrick hat zuverlässig die Ranch geleitet, aber ist jetzt doch froh nicht mehr die volle Verantwortung zu tragen, weil der Boss wieder da ist und mehr Zeit für die Ranch hat. Laura kann jetzt ihre Mutterrolle liebevoll einnehmen. Am Abend lässt sich Jess aber doch nicht nehmen dem kleinen Raylan das letzte Fläschchen des Tages zu geben.
 
 
Grandpa Frank steht stolz daneben und freut sich, dass der Kleine größen- und gewichtsmässig aufholt. Jess und Laura lieben die gemeinsamen ruhigen Stunden am Abend. Während der Kleine sein Fläschchen bekommt holt Laura für ihren Mann ein Feierabendbierchen. Jess genießt es von seiner Lady verwöhnt zu werden. Er durfte auch sofort wieder ins gemeinsame Schlafzimmer einziehen und gibt sich weiter große Mühe lieb zu seiner Lady zu sein was Laura wieder genießen kann. Am nächsten Morgen kommt Laura mit verwuschelten Haaren die Treppe herunter und Jess hinterher wobei er sich noch das Hemd in die Hose stopft. Frank grinst und denkt sich seinen Teil. Patrick kann es nicht lassen und grinst am Frühstückstisch:
Guten Morgen Boss, es gab Zeiten da habt ihr das Angelurlaub genannt.

Jolene taucht auf und Jess kann sich kaum vor Lachen halten und bringt kaum heraus:
Ach wir haben, wir haben zusammen gefrühstückt.

Jolene meint gleich:
Das kann ja gar nicht sein, hier steht doch noch alles. Loretta und ich waren vor einer Weile bei euch an der Schlafzimmertür und sie war zu. Ich bin ja nicht doof, da ist was was wir nicht wissen sollen.

Jess und Laura werfen sich vielsagende Blicke zu.

Dann meint Jolene:
Ist ja auch egal, aber Dad du solltest mal aus dem Fenster sehen. Da ist ein großes Tier bei deinen Bullen und der Zaun ist an einer Seite niedergerissen.

Jess bleibt vor Schreck sein Bissen Brot im Hals stecken und er muss heftig husten. Er keucht:
Verdammter Bullshit!

Dann guckt er aus dem Fenster und kann es gar nicht glauben. Ein großer Büffel hat sich zu seiner Bullen WG dazugemogelt.

 
 
Laura sieht auch aus dem Fenster.
Ich glaub das nicht! Aber wenigstens sind deine Bullen nicht weggelaufen Jess. Was sagt dir das?

Jess grinst:
Das sagt mir auf Anhieb, dass von Hendersons Kühen keine bullig ist. Sonst würden wir vom Brahma nur noch eine Staubwolke sehen. Die scheinen sich ja zu vertragen. Da geht mir aber keiner von euch hin. Das ist ein wildes Tier. Ich frühstücke jetzt zu Ende und dann sehe ich mir das aus der Nähe an. Der Tag fängt ja gut an!

Gesagt, getan, Jess geht nach draußen und nimmt Kontakt zu dem riesigen Büffel auf. Er steht Auge in Auge mit dem Riesen und spricht mit ihm. Der riesige Schädel wendet sich Jess zu.

 
 
Jess spricht mit seiner tiefen Stimme zu dem großen Büffel. Der wiederum mustert den Mann, hat aber keine Furcht vor ihm und trifft auch keine Anstalten zu flüchten. Jess spricht mit ihm:
He Tatanka, so nennen die Lakota den Büffel, was willst du bei meinen Bullen? Ich glaube du bist ein schlauer Bursche. Ich habe die Jäger mit ihren Gewehren gestern und vorgestern auch den ganzen Tag gehört. Du weißt, dass auf meiner Weide nicht geschossen wird und hast dich hier in Sicherheit gebracht. Ganz schön clever! Warte, ich bring dir nochmal was Gutes!

Jess legt wieder Heu nach für den zusätzlichen Fresser.

 
 
Jess steht dicht bei Tatanka, aber der stört sich nicht an der Anwesenheit des Mannes, der so ruhig mit ihm spricht. Tatanka frisst unberührt sein Heu weiter und ist bei gutem Appetit.
 
 
 
Laura und die Crew beobachten alles aus dem Fenster. Laura hat Angst um ihren Mann, aber Frank beruhigt sie.
Jess hat ein Händchen für Rindviecher, der weiß schon was er macht. Vertrau ihm!

Jeremy und Vicky meinen gleich wie aus einem Mund:
Mich bringen keine zehn Pferde zu diesen Viechern hin.

Am Abend sitzen alle am Stall.

 
 
Abby ist auch da und hat den Büffel mit erstaunten großen Augen angesehen. Sie meint zu Jess:
Erzähl mir was über diese Tiere! Ich sehe das erste Mal einen so nahe vor mir.

So erzählt er:
Als meine Vorfahren aus dem guten alten Europa kamen bevölkerten Tausende und aber Tausende Büffel die Prärien und Berglandschaften. Im 16.Jahrhundert sollen es geschätzt 25-30 Millionen gewesen sein. Ich selbst kann mich noch erinnern als Junge sie zu Hunderten auf der Wanderschaft gesehen zu haben. Dann kam der weiße Mann und knallte sie ab. Die Kadaver bleiben liegen, nur die Felle werden abgezogen. Der berühmte Buffalo Bill Cody rühmte sich damit in einer Stunde vom fahrenden Zug aus 60 Büffel geschossen zu haben. Den Lakota und anderen Stämmen wird auf die Art die Nahrungsgrundlage entzogen. Die Indianer nutzen alles vom Büffel. Sie nutzen die Häute für Tipis, Schuhe, Kleidung, Decken u.s.w., die Hörner als Löffel, Tassen, Spielzeug, Zeremoniengegenstände, Werkzeuge, Pulverhörner und vieles mehr, auch Haare und Wolle wird genutzt für Stricke, Kopfkissen, Pads und vieles mehr. Es gibt nichts was nicht genutzt wird. Wenn die Lakota Büffel töten, dann nur so viele wie sie zum Leben und Überleben brauchen. Der weiße Mann ist masslos in seiner Gier und tötet alles was ihm vor die Flinte kommt. Das geht auch den Wapitis nicht anders.

Alle besonders Abby hören gespannt zu. Sie ist immer neugierig etwas über die Tierwelt der Rocky Mountains zu erfahren.
Warum haben Büffel eigentlich so einen großen Kopf Jess und diesen komischen Buckel?

Jess grinst.
Du hast noch nie einen Büffel im Winter gesehen. Mit dem Kopf schieben sie den hohen Schnee, so dass die Grasnarbe zum Vorschein kommt und sie fressen können. Sie machen richtige Bahnen durch den Schnee. Ohne den Buckel würden sie wahrscheinlich nach vorn überkippen mit ihren riesigen Schädeln. Das hat sich die Natur wohl als Gleichgewicht für den Körper gedacht. Büffel werden übrigens ohne Hörner geboren. Die wachsen erst später. Manchmal fechten die Bullen damit heftige Rangkämpfe aus, aber auch die weiblichen Büffel haben Hörner. Anders als bei Hirschen und Elchen haben sie aber nur ein Paar Hörner im Leben. Büffel sind reine Pflanzenfresser, Wasser brauchen sie natürlich auch. Im Winter brechen sie manchmal durch Eisdecken um an Wasser zu kommen. Sie können schwimmen, das lockige Fell hält sie über Wasser. Sie ertragen Kälte bis - 40 Grad, bei Rindern wird es ab - 15 Grad kritisch. Der Körper eines weiblichen Büffels ist 2,40 Meter lang, der eines Bullen bis zum 3,80 Meter. Männliche Tiere erreichen ein Gewicht von 900 KG, weibliche etwa die Hälfte. Sie sind schnell und können bis zu 50 Stundenkilometern laufen. Die Weibchen gebären nach neun Monaten Tragzeit ein 30 kg schweres Kälbchen, welches nach ein bis zwei Tagen bereits mit der Herde mitziehen kann. Das rotbraune Kalb wird im Frühjahr geboren und ein Jahr lang von der Mutter gesäugt. Das Muttertier bewacht das Kalb und verteidigt es erbittert gegen alle Feinde. Mit zwei bis drei Jahren wird das Kalb geschlechtsreif; Bullen sind allerdings erst im Alter von sechs Jahren stark genug, um sich gegen Geschlechtsgenossen durchzusetzen und eine Paarung zu erkämpfen. Unser Büffel ist schon groß und stark, er dürfte wohl 5-6 Jahre alt sein.

Jess soll später erfahren, dass die Regierung verbietet Büffel zu schießen und auch für Wapitis eine Abschusszahl festlegt. Er weiß nicht, dass es jetzt zu Anfang des 19.Jahrhunderts in ganz Wyoming nur noch 23 Büffel gibt. Heute hat sich der Bestand dank diesem rigorosen Schutz und der Einrichtung von Nationalparks wieder erholt.

Die Tage vergehen, der Büffel bleibt in der Herren WG. Vermutlich hält er es für sehr bequem Futter jeden Tag vorgesetzt zu bekommen.

Frank stöhnt:
Als was soll ich jetzt dieses nutzlose Vieh verbuchen in den Papieren Jess? Ist kein Pferd, ist kein Rindvieh? Aber frisst ohne Ende!

Jess lacht:
Ist mir doch absolut egal. Ich mag ihn und er mag mich anscheinend auch.

Laura fragt:
Wieso hast du ihn Tatanka genannt?

Jess antwortet:
Tatanka heißt eigentlich Büffel, aber die Lakota nennen auch so den heiligen weißen Büffel ihrer Mythologie. Vielleicht glauben sie ja dann, Tatanka kommt wieder und lassen ihn dann in Ruhe. Ich habe schon seit ewigen Zeiten hier auf Tumbleweedgebiet keinen Büffel mehr gesehen. Er stört hier doch keinen.

Jess geht wie immer jeden Morgen Heu füttern weil sich sonst niemand traut. Auch der Zaun ist inzwischen repariert, aber Tatanka stört sich nicht daran eingesperrt zu sein. Er verträgt sich gut mit den Bullen, die sich an ihn gewöhnt haben.

 
 
Jess weiß, dass Büffel schlecht sehen aber um so besser riechen können. Tatanka erkennt Jess sofort an seinem Geruch und brummt ganz zufrieden wenn er auf der Bullenweide auftaucht. Jess läuft immer um den Büffel herum, redet mit ihm und fasst ihn am ganzen Körper an damit er sich an Menschen gewöhnt und zahm wird.

Laura beobachtet es interessiert und ahnt schon was zwangsläufig kommen muss. Sie kennt ihren Mann - einmal Bullrider - immer Bullrider.

Sie spricht es laut aus:
Tut er´s oder tut er´s nicht? Wir können schon Wetten abschließen Frank.

Der lacht nur und meint:
Ich kenne meinen Sohn, das ist nur noch eine Frage von Zeit. Ich wette er macht es.

Laura grinst:
Schade, aber ich denke auch er tuts, dann hat es sich wohl mit unserer Wette erledigt.

Die Beiden haben recht. Eines Morgens sehen sie das Unglaubliche. Jess sitzt auf Tatanka und streichelt ihn.

 
 
Als er am Mittag wieder zum Essen ins Haus kommt muss Laura dauernd kichern. Jess ist irritiert und fragt:
Honey, habe ich was verpasst? Was gibt es denn so Lustiges, ich möchte auch lachen!

Laura kann sich nicht mehr halten vor Lachen und meint dann:
Ich stelle mir gerade vor, dass der Medizinmann Takoda dich beobachtet hat mit dem Büffel. Er schüttelt nachdenklich seinen Kopf, geht zu dir, guckt dich eindringlich an und sagt mit seiner tiefen Stimme: Grauer Wolf, dein Name ist nicht mehr richtig. Du bekommst einen neuen Namen und zwar Der mit dem Büffel tanzt.

Jess guckt Laura an und dann lacht er bis ihm fast die Tränen kommen.
Der mit dem Büffel tanzt, Honey, so habe ich schon ewig nicht mehr gelacht. Wenn mich so meine Bullrider Kumpel sehen könnten!

 
 
 
Tumbleweedranch | Februar 2014 | top
Impressum