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Kapitel 22
 
Auf der Rückfahrt begegnen Laura und Jess noch einem Goldgräber und einem Trapper.
 
 
Jess fährt aber zügig weiter um noch einigermaßen im Hellen nach Hause zu kommen.Ganz weit in der Ferne sehen sie Indianer, die den einsamen Büffel, den Jess und Laura gesehen haben, jagen.
 
 
Laura ist diese ursprüngliche Jagd mit Pfeil und Bogen unheimlich. Jess meint dazu nur
Schade, dass ich die Winchester nicht dabei habe und näher dran bin. Dann könnte man dem Tier ein schnelleres Ende bereiten. Die Weißen haben es geschafft, dass die Indianer kaum noch Feuerwaffen haben. Die Jagd mit Pfeil und Bogen ist auf solche Tiere aber mühselig und mutig. Der Indianer auf dem Appaloosa ist übrigens Chato, der Häuptling und Mann von Leotie, die bei uns letztes Jahr den Winter bei uns verbracht hat. Chato musste seinen Stamm in die Reservation führen. Im Frühjahr kommt er aber wieder in unsere Gegend zurück. Ihm geht das freie Leben über alles und ich kann ihn verdammt gut verstehen. Warum müssen die Weißen den Indianern ihr Leben aufzwingen? Ich kann dir heute Abend noch weit mehr über die Lakota Indianer erzählen.

In der Ferne sehen sie Leotie, die Jess grüßt.

 
 
Er grüßt mit Handzeichen zurück. Laura und Jess schaffen es noch vor der Dunkelheit nach Hause zu kommen. Jess schirrt den Cob aus und nach dem gemeinschaftlichen Abendessen machen es sich alle im Wohnzimmer gemütlich. Jess Vater erkundigt sich was die Beiden alles gesehen haben. Laura ist begeistert von den Mustangs, erzählt dann aber auch von den Indianern.

Opa Frank
Oh nein, sind diese Rothäute immer noch bei uns in der Gegend? Die sollen in der Reservation bleiben wo sie hingehören.

Jess
Dad hör auf, ich habe keine Lust mich mit dir zu streiten, aber das ist ein Punkt wo wir wohl nie zusammenkommen werden. Es sind keine Rothäute sondern Native People und Chato hat von mir ausdrücklich die Erlaubnis durch das Gebiet der TWR zu ziehen. Mit Henderson habe ich auch gesprochen, der hält still, solange ich von den Indianern geschlachtete Rinder bezahle. Laura, dein Vater Pete ist noch eine harte Nuss was den Stamm betrifft. Ihr seid alle so von gestern und seht nur die bösen Indianer, die die Weißen skalpieren. Die Zeiten sind vorbei. Man muss doch auch mal nach vorn gucken. Sicher hat die Generation vor mir anderes erlebt mit den Indianerkriegen, aber man muss doch auch Vergangenheit irgendwann abhaken können.

Opa Frank
Nein, ich kann das nicht. Ich habe zuviele Weiße sterben sehen auch deinen Onkel Arthur. Wir haben immer Angst vor den Indianern haben müssen, jetzt endlich nicht mehr so sehr.

Jess
Nein, man steckt die Indianer in Reservationen, hat ihnen mit den Büffeln die Lebensgrundlage genommen und erzieht sie nach den Regeln der Weißen in den Schulen der Regierung in den Reservaten. Man schneidet ihnen die Haare und hofft, dass sie so Weißen oder wenigstens Halbbluts ähnlicher werden. Nach 500 Jahren Kampf ist noch nie ein Indianer weiß geworden. Nicht einmal ihren indianischen Namen lässt man ihnen im Reservat. Sie heißen dann Billy, John, George oder was weiß ich. Das ist doch irgendwo krank.Indian Drums, bei 20 geht der mutige Song los.


From the Indian reservation to the governmental school
Well they're goin' to educate me to the white men's Golden Rule
And I'm learning very quickly for I've learned to be ashamed
And I come when they call Billy though I've got an Indian name
And there are drums beyond the mountain Indian drums that you can't hear
There are drums beyond the mountain and they're getting mighty near
And when they think that they'd changed me cut my hair to meet their needs
Will they think I'm white or Indian quarter blood or just half breed
Let me tell you Mr teacher when you say you'll make me right
In five hundred years of fighting not one Indian turned white
And there are drums...

Jess
Das ist doch jetzt die Wirklichkeit. Dann kommen noch die Händler und verkaufen den Native People billigen Whisky, den reinsten Fusel, im Reservat. Hauptsache sie können sich die Taschen mit Dollars füllen.
Ich weiß noch meine erste Begegnung mit Chato. Wir waren damals noch sehr jung, so um 16 Jahre muss es gewesen sein.

Opa Frank
Ich weiß noch, du warst hinter einem pechschwarzen riesigen Mustang her. Deine Kreise von der TWR weg wurden immer größer und ich konnte dich nicht zurückhalten. Ich habe dich immer davor gewarnt in Indianergebiet vorzudringen.

Jess
Glaubst du das hat mich besonders beeindruckt? Ich war wie gesagt hinter diesem schwarzen Teufel her, hatte das einmalige Glück hinter einem Gebüsch versteckt ihm aufzulauern und mein Lasso werfen zu können und habe es geschafft es um seinen Hals zu werfen. In dem Moment pfeift etwas neben mir durch die Luft - ein zweites Lasso und dahinter - Chato. Ich habe ihn verdammt vorher nicht gesehen. Großartig bekanntmachen konnten wir uns nicht. Der Mustang hat gezogen wie ein Wilder, uns beide hat er hinter sich hergeschleift. Wir haben beide verbissen festgehalten, aber nach einer guten Meile oder so waren die Hände trotz Handschuhen durch. Chato hat im gleichen Moment wie ich sein Lasso losgelassen. Wir konnte beide dem Rappen nur noch sehnsüchtig hinterhersehen wie er hinter einer Bergkuppe verschwand.

Laura
Das habe ich überhaupt nicht mitbekommen.

Jess
Da warst du auch nicht mehr hier sondern auf der Schule im Osten. Wir haben uns ja etwas aus den Augen verloren in dieser Zeit.
Jedenfalls stand ich da und Chato mir gegenüber. Unsere Klamotten hingen in Fetzen vom Körper nach der Hinterherschleiferei und unsere Hände waren blutig. Wir waren beide so eingesaut, dass man nicht hätte sagen können wer rot oder weiß war und den Rappen hat keiner von uns bekommen. Eigentlich hätte ich nach den Erzählungen meiner Eltern furchtbare Angst vor Chato haben müssen, hatte ich aber in dem Moment nicht. Wir waren uns bei diesem Misserfolgserlebnis so nah, dass wir uns nur angesehen haben und dann haben wir beide laut gelacht. Chato hat wohl überlegt wie er sich einem Weißen gegenüber richtig verhält und hat mir die Hand gegeben. Danach waren wir quasi Blutsbrüder. Das sah alles fürchterlich aus. Ich hätte so auch nicht nach Hause reiten können. Chato hat mich mit ins Indianerlager genommen. Ich kam mir dort ziemlich von allen angestarrt vor, habe aber einfach meinen Mut zusammengenommen und bin mit Chato mitgegangen als wäre es immer schon so gewesen. Zuerst kam seine Mutter und hat uns Wasser zum Trinken gegeben, dann wurden wir zum Medizinmann gerufen. Der war sehr unheimlich. Er strahlte eine große Autorität aus, ähnlich wie mein Dad, aber doch total anders. Ich habe nur beobachtet wie sich Chato verhält und seine Gesten nachgemacht. Lakota konnte ich ja nicht sprechen. Der Medizinmann fand uns beide sehr mutig, auch wenn wir nicht erfolgreich waren mit unserem Mustangfang und behandelte unsere Hände mit Kräutern. Das war wirklich gut, es tat gleich nicht mehr so weh. Ich habe dann einige Tage im Indianerlager verbracht, solange bis ich wieder reiten konnte mit den zerschundenen Händen. Chato spricht übrigens sehr gut amerikanisch von der Reservatsschule her. Er hat mir sehr viel über Pferde beigebracht, nicht brechen sondern als Freund gewinnen. Später als ich wieder nach Hause wollte, hat mich der Medizinmann noch einmal zu sich gerufen. Er hat mir den Reißzahn eines großen Timberwolfes um den Hals gehangen. Ich habe mich vor ihm verbeugt. Angst habe ich keinen Moment gehabt. Chato meinte nachher, ich hätte ihn als Weißer doch sehr beeindruckt mit der Jagd nach dem Pferd und dass ich hinterher versucht habe mich den Gebräuchen des Stamms anzupassen.

Opa Frank
Ich weiß noch, dass du dort hinten auf dem Hügel standest mit deinem Pferd und eine Nordstaatenuniform anhattest. Mutter rief mich ganz entsetzt und meinte, der Junge ist verrückt geworden, der geht jetzt zur Armee. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen, du hast immer gesagt, wenn du für irgendetwas den Kopf hinhälst, dann müssten schon viele Dollars kommen und dafür ist die Armee ja nicht gerade bekannt.

Jess lacht laut.
Die Uniform ist von irgendwelchen Raubzügen übergeblieben. Das war das Einzigste was nicht so indianisch aussah. Ich hatte ehrlich gesagt Bedenken, dass ihr mir eine Kugel auf den Pelz brennt wenn ich indianisch angezogen nach Hause komme. Ich habe dann nur noch eine Strafpredigt wegen der kaputten Klamotten erwartet. Da war gar nichts mehr dran zu retten. Am meisten hat mich das neue Lasso geärgert, das dann wohl eine ganze Weile auf dem wilden Mustang gehangen hat.

Opa Frank
Wir waren heilfroh, dass du wieder da warst und dir bei den Indianern nichts passiert ist.

Laura
In einer Nordstaatenuniform kann ich mir Jess nicht vorstellen.

Jess
Das Ding hat mir ohnehin nicht gepasst. Da hätte ich noch reinwachsen müssen. Ich hatte Hose und Ärmel gekrempelt.

Opa Frank
Laura, ich kann nur sagen, Margaret und ich sind 1000 Tode gestorben in dieser Zeit, wenn man so gar nicht weiß was der Junge treibt. Seitdem ist er den Indianern immer ähnlicher geworden. Er macht einfach was er will und kümmert sich nicht drum was andere Leute über ihn denken.

Jess
Ach Dad, die Leute reden über das was man macht und über das was man nicht macht. Also mache ich was ich für richtig halte. Ich habe jedenfalls eine Hochachtung für die einheimische Bevölkerung, die nicht wir sondern die Lakota sind. Sie leben in Frieden mit der Natur und mit sich selbst. Das Rückzugsgebiet für die Mustangs ist goldrichtig, aber die native people in Reservationen stecken, das ist glattes Unrecht.

Opa Frank
Du bist und bleibst ein Indianerfreund.

Jess
Ja, dazu stehe ich. Sie haben mir nie etwas getan.

Laura überlegt, sie hat auch ein ganz anderes Bild von ihren Eltern über Indianer mitbekommen.

Inzwischen ist es spät geworden und alle gehen zu Bett bevor eine neue arbeitsreiche Woche auf der TWR beginnt.