<- Kapitel 222
Kapitel 223
 
In der Scheune angekommen sieht Grandpa Frank wie Jess Chato das Kästchen mit der Munition übergibt. Dann sieht er das schwache Fohlen im Stroh liegen.
 
 
Frank wird laut als er Jess zurechtweist:
"Jess, habe ich dir beigebracht ein Tier leiden zu lassen? Guck doch wie schwach das Fohlen ist! Das wird nichts mehr. Gib dem Tier endlich den Gnadenschuss! Soll ich das Gewehr holen oder machst du das selbst und wann fängst du endlich an Blaze zu reiten? Ein volles Euter muss weggearbeitet werden. Ihr Fohlen ist nun einmal tot."

Jess reißt sich zusammen. Bei den Cheyenne hat man Achtung vor dem Alter:
"Dad, ich bin nicht mehr zwölf Jahre alt. Ich weiß was ich tue. Das Leben ist wertvoll. Ich kann es nur einmal nehmen. Tu mir den Gefallen, gehe ins Haus und setze dich in den Schaukelstuhl! Chato und ich werden das hier regeln."

Frank grinst, er hat von Jess eine andere Reaktion erwartet. Er kann es sich nicht verkneifen:
"Und? Wollt ihr jetzt die Geister anrufen?"

Jess sieht, dass sich Chato unwohl fühlt in Gegenwart von Frank:
"Geh schon Dad, du könntest ja beten und den da oben bitten etwas für das Fohlen zu tun."

 
 
Frank geht daraufhin mit seiner Hündin Freckles aus der Scheune und murmelt vor sich:
"Diese Jugend von heute, wissen alles besser!"

Jess mag diese Auseinandersetzungen mit seinem alten Herrn gar nicht. Er wendet sich Chato zu:
"Endlich ist er weg, manchmal beneide ich dich, dass du keinen Vater hast, der alles besser weiß. Ich kann alt werden wie Methusalem, aber ich mache es ihm nicht recht."

Chato antwortet:
"Wahrscheinlich können Väter nicht anders. Mein Vater Red Cloud war auch nicht anders."

Jess erwidert:
"Red Cloud war anders. Ich habe zu ihm aufgesehen und er hat mir sehr viel beigebracht über Pferde und auch eure Kultur, die so ganz anders ist als unsere."

Chato entgegnet:
"Red Cloud war sehr erstaunt, dass du dich ohne Furcht zu zeigen unter uns Cheyenne bewegt hast. Wir zählten damals noch viele Hunderte und mein Vater war ein großer Häuptling, der viele Pferde besessen hat. Es hat ihm sehr imponiert, dass wir beide damals zeitgleich unsere Lassos um den großen schwarzen Mustang geworfen haben und wir beide nicht stark genug waren ihn zu halten."

Jess lacht:
"Meine kaputten Hände werde ich nie vergessen. Zur Hölle, das waren Schmerzen! Wir haben uns die Hände gereicht und waren Blutsbrüder mit 15 Jahren, fast noch Kinder. Ich habe versucht eure Kultur zu verstehen. Euer damaliger Medizinmann hat mir als Totemtier den Wolf zugewiesen. So, genug von der Vergangenheit! Wir müssen etwas mit dem Fohlen unternehmen! Ich habe eine Stute mit vollem Euter und totem Fohlen und du hast ein schwaches Fohlen mit toter Mutterstute. Ich habe damals Red Cloud zugesehen, dem Ähnliches passiert ist mit seinen Pferden. Chato, du weißt was du tun musst! Bitte mach du es! Ich bringe es nicht fertig. Dein Fohlen muss nach dem Fohlen von Blaze riechen. Ziehe dem toten Fohlen so viel Fell wie möglich ab! Es liegt hinter der Scheune. Ich wollte es eigentlich wegschaffen, dorthin wo die wilden Tiere sind damit das Fleisch noch zu etwas gut ist, dort wo der Grizzly wohnt und der Puma!"

 
 
 
Chato zieht sein großes Messer, geht zum toten Fohlen hinter die Scheune und tut was er tun muss. Er kommt mit einem großen Stück abgezogenem Fohlenfell zurück.

Jess hat inzwischen ein langes Gurtband geholt mit dem die beiden Männer das Fell vom toten Fohlen auf Chatos Fohlen befestigen. Sie streicheln das Fohlen ausgiebig und so verteilt sich der Geruch vom Fell des toten Fohlens auf das Lebende.

 
 
Dann holt Jess seine Stute aus deren Euter immer wieder Milch tropft. Er spricht ihr gut zu.
 
 
"So Blaze, die Sucherei hat ein Ende. Schau doch mal was da liegt!"

Durch Blaze geht ein Zittern. Sie ist ganz aufgeregt, wiehert und riecht am Fohlen in seiner Verkleidung.

 
 
Blaze riecht von allen Seiten und lässt bald ein wohliges Schnauben von sich hören.
 
 
Doch das Fohlen ist zu schwach um selbst aufzustehen.

Jess beobachtet es eine Weile:
"Chato, das wird so nichts! Die Kleine ist zu schwach. Ich lenke Blaze ab und du stellst sie auf die Beine. Sie muss unbedingt zum Euter und trinken. Wie heißt sie eigentlich?"

Chato antwortet:
"Wir Cheyenne geben keine Namen, wenn Wesen schon fast in einer anderen Welt bei den Geistern sind."

Dann tut er was Jess geraten hat. Er stellt das Stutfohlen auf die Beine in Richtung Euter der Stute.

 
 
Beide Männer halten förmlich die Luft an und hoffen, dass Blaze das Fohlen trinken lässt.

Die Kleine findet die Milchbar mit Hilfe von Chato. Das Wunder passiert - Blaze guckt sich erleichtert um als das Fohlen trinkt und ihr pralles Euter entlastet wird und tritt es nicht weg was auch hätte passieren können. Sie ist froh, dass sie "ihr" Fohlen wiedergefunden hat und lässt ein zufriedenes Schnauben hören.

Jess wischt sich erleichtert den Schweiß von der Stirn:
"Puh, unser Beschiss hat geklappt Chato. Das hätte auch anders ausgehen können. Aber die Kleine soll ihre Chance haben. Das sieht alles gut aus."

Chato lacht:
"Mein Bruder bringt mich wieder zum Lachen. Behalte das Fohlen, deine Stute nährt es, dann gehört es dir."

Jess entrüstet:
"Kommt gar nicht in Frage Chato! Es ist das Fohlen deiner Lieblingsstute, die dafür ihr Leben gegeben hat. Es gehört dir allein. Wenn es gut gedeiht werde ich es in einem halben Jahr absetzen und dann kann sie in die Herde deiner Pferde. Ehe du ins Lager reitest gebe ich dir noch die Rinderhälfte aus meiner Vorratskammer mit. Damit solltet ihr eine Weile über die Runden kommen. Ich kann mir von Hendersons Ranch eine neue holen."

Chato umarmt seinen Blutsbruder:
"Grauer Wolf, du bringst Freude in mein Leben. Dem Fohlen wird es bei dir gut gehen und meinem Stamm hilfst du sehr mit der Rinderhälfte. Ich danke dir mein Bruder. Die Geister haben mir richtig geraten mit dem Fohlen hierher zu kommen."

So reitet Chato nicht mit einem Fohlen wie er gekommen ist,

 
 
sondern mit einer Rinderhälfte zurück ins Lager der Cheyenne.

Am nächsten Tag kommt Grandpa Frank in die Scheune zu Jess.

 
 
"Muss ich dich erst durchschütteln damit du zu Verstand kommst Jess? Wo ist das Fleisch aus der Vorratskammer? Ich kann es mir schon denken, das hat die Reise ins Lager der Cheyenne auf Nimmerwiedersehen angetreten. Idiot! Du gibst noch dein letztes Hemd für die Wilden."

Jess lacht nur über Franks Wutausbruch:
"Dad, rege dich doch nicht auf! Das schadet nur deinem Herzen und du musst mehr Tabletten nehmen. Mein Hemd gebe ich nicht her, das wird kalt im Winter. Übrigens fahre ich gleich zu Henderson und dann hast du heute Abend dein Fleisch, also nur die Ruhe!"

Frank zieht es vor nichts mehr zu sagen. Er weiß, dass er gegen Jess und seine tiefe Freundschaft zu den Cheyenne nicht ankommt. Als er es Laura erzählt lacht sie nur:
"Frank weißt ja, Sturheit ist vererblich. Woher Jess das wohl hat?"

Jess beobachtet in den nächsten Tagen genau wie sich Blaze um das Fohlen von Chato kümmert und da alles gut läuft beschließt er das Fohlen von der "Verkleidung" zu befreien. Blaze ist die Ruhe selbst in dem Wissen, dass ihr Fohlen wieder da ist und das Fohlen entwickelt sich prächtig.

 
 
Es guckt immer aufgeweckter alles an.
 
 
Einige Tage später beschließt Jess es nicht anders zu behandeln als wäre es sein Eigentum und legt der Kleinen vorsichtig mit lieben Worten ganz locker ein Fohlenhalfter an damit es sich an Menschen gewöhnt.

"So Kleines, das Halfter tut dir nichts. Alles ist gut. Aber auf die Dauer kann ich dich nicht Kleines nennen. Du bist längst nicht mehr in der Geisterwelt sondern ganz munter hier in unserer Welt. Hm, es sollte etwas aus der Sprache der Cheyenne sein. Ja, das ist es. Ich nenne dich Tenya. Das bedeutet kostbar, wertvoll in der Sprache der Cheyenne und jedes Leben ist wertvoll."