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Kapitel 232
 
Im Lager der Cheyenne haben Chato und Takoda alle Hände voll zu tun, die jungen Krieger zurück zu halten. Bei der Stärke der Armee im Fort Laramie wäre ein Massaker vorprogrammiert. Dank der Autorität der führenden Männer des Stammes fügen sich die jungen Krieger. Als das Pferd von Red Eagle ins Lager zurückkehrt macht sich Takoda große Sorgen.
 
 
Das Zaumzeug hat der Mustang irgendwo abgestreift und an der Schulter findet Takoda Blut, das nicht vom Pferd stammt. Die Zeit vergeht und die Sonne verschwindet hinter dem Horizont ohne dass Jess wieder ins Lager kommt wie er es versprochen hat.

Jolene ist in der Zwischenzeit zu Hause. Sie wirft sich in Hettys Arme und weint:
"Es war so furchtbar, das ständige Knallen, die vielen toten Büffel, der Gestank. Dad hat mich nach Hause geschickt. Ihr sollt alle die Gegend der Büffeljäger meiden weil es zu gefährlich ist. Dad hat gesagt, wir sollen nicht mit dem Abendessen auf ihn warten."

Hetty beruhigt Jolene, dann wird Abend gegessen und die Kinder gehen schlafen. Hetty sitzt noch etwas über ihren Näharbeiten und will auch gerade das Licht löschen und in Franks Zimmer zu Bett gehen als es laut und energisch an die Tür klopft. Es klopft wieder und wieder. Da entschließt sie sich die Tür zu öffnen. Sie ist auf einiges gefasst und Frank hat sie darauf vorbereitet, dass Jess "etwas andere Freunde" hat und es sein kann, dass ein Cheyenne in der Scheune steht.

 
 
Aber Frank hat Hetty nicht darauf vorbereitet, dass ein Cheyenne noch dazu ein Riese von Mann ins Haus will. Es ist Takoda, der so laut geklopft hat:
"Ich bringe den Grauen Wolf, Jess in deiner Sprache. Sie haben ihn fast tot geschlagen. Wo soll ich ihn hinlegen?"

Hetty versteht erst gar nichts, sieht aber den Cheyenne, der vorsichtig Jess vom Pferd hebt und auf seinen Armen hält. Hetty ist ziemlich durcheinander und hatte in ihrem Leben noch nie mit Indianern zu tun:
"Da, Tür, Bett!" und macht die Tür zum alten Kinderzimmer von Jess auf, das er nach Bedarf nutzt wenn es sehr spät geworden ist und er Laura nicht stören will. Manchmal dient es auch als Gästezimmer.

Takoda lächelt und sagt in feinstem Amerikanisch:
"Du musst Mrs. Bolder sein. Du brauchst nicht so seltsam mit mir reden! Ich bin Takoda, Medizinmann und spreche eure Sprache recht gut auch wenn ich lieber Cheyenne spreche. Ich habe sie in der Reservatsschule zwangsweise lernen müssen."

Hetty wirft einen Blick auf Jess, der ohne Bewusstsein ist. Sie sieht mit Entsetzen wie er aussieht, eine große Platzwunde an der Stirn, die rechte Gesichtshälfte stark geschwollen, das Auge zu geschwollen. Sie mag gar nicht daran denken, wie er unter der Kleidung aussieht:
"Das war aber keine Saloonprügelei. Wer war das Mr. Takoda?"

Takoda lächelt:
"Wir Cheyenne haben keine Nachnamen, einfach Takoda. Das waren die Büffeljäger. Der Graue Wolf ist in Frieden gekommen und wollte mit ihnen sprechen und das ist dabei herausgekommen. So sind die Weißen."

Hetty läuft schnell nach oben und weckt den Vormann Patrick. Er soll sofort in die Stadt reiten und einen Doc holen. Dann rennt sie wieder schnell die Treppe herunter. Sie weiß noch nicht recht was sie von dem Cheyenne halten soll. Aber als sie sieht wie vorsichtig der große Mann Jess aufs Bett legt verschwinden ihre Bedenken:
"Mr. Takoda, ich brauche ihre Hilfe. Jess muss aus den nassen Sachen raus, sonst holt er sich noch obendrein eine Lungenentzündung."

"Einfach Takoda Mrs. Bolder!" dann macht sich Takoda daran vorsichtig die Kleidung von Jess auszuziehen. Er kümmert sich um Stiefel und Hose, aber von Jess kommt keine Lautäußerung. Hetty zieht vorsichtig Jacke und Hemd aus. Als sie die Kette mit dem Reißzahn des Wolfes, die Jess tief im Hemd versteckt trägt, abnehmen will hält Takoda ihre Hand fest:
"Nein, das ist das Totem des Grauen Wolfes, das und der Geist des Büffels werden ihm helfen, die Kette bleibt um."

Der Ton von Takoda duldet keinen Widerstand. Hetty stellt das Licht der Petroleumlampe stärker und kann kaum die Tränen zurückhalten, als sie sieht wie Jess zugerichtet ist. Auf seinem Brustkorb zeichnen sich die Stiefeltritte ab und er ist am ganzen Körper grün und blau. Takoda und Hetty waschen ihn vorsichtig und kühlen die rechte Gesichtshälfte mit dem zugeschwollenen Auge.

Jess bekommt von allem nichts mit. In der Zwischenzeit ist die Ärztin Abby eingetroffen. Sie hört Jess ab und meint:
"So etwas habe ich noch nicht gesehen, man hat ihn fast totgeschlagen, er atmet sehr schwach. Das macht mir Sorgen. Ich muss aber mit weiteren Untersuchungen warten bis er zu sich kommt. Ich muss an seinen Reaktionen merken was genau mit ihm los ist."

Inzwischen ist die kleine Sammy wach geworden und weint. Abby nimmt sie auf ihren Schoß und beruhigt die Kleine:
"Takoda, bitte erzähle uns wie es so weit kommen konnte. Mir tut es weh, wenn ich einen guten Freund wie Jess es ist in diesem Zustand sehe."

 
 
Takoda berichtet:
"Der Graue Wolf wollte in Frieden mit den Büffeljägern sprechen und danach zurück in die Reservation kommen. Ein Krieger, Red Eagle, konnte von Chato und mir nicht aufgehalten werden und ist vor dem Grauen Wolf zu den Büffeljägern geritten um sie zu töten. Als sein Pferd mit Blut auf der Schulter zurückkam und es immer später wurde habe ich mir große Sorgen um Red Eagle und den Grauen Wolf gemacht. Er hält immer was er verspricht."

Abby hört gebannt zu:
"Takoda, du darfst aber doch die Reservation nicht verlassen und die Büffeljäger sind außerhalb."

Der Medizinmann lächelt:
"Die Büffeljäger und auch eure Soldaten sind blind und taub. Die Büffeljäger haben geschlafen und die Soldaten haben sich laut unterhalten. Ich habe mich im Schutz der Dunkelheit lautlos bewegt. Niemand hat mich und mein Pferd gesehen. Dann habe ich Red Eagle gefunden. Sein Herz war von einer Kugel der Sharps zerfetzt. Für ihn konnte ich nichts mehr tun. Der Graue Wolf hat noch schwach geatmet und nun bin ich hier. Hierher ist es näher als in die Reservation. Hört mal, er stöhnt und wird wach, das ist gut."

Abby hört Jess noch einmal ab und macht ein sorgenvolles Gesicht. Aus seinem Mundwinkel läuft Blut. Jess stöhnt:
"Abby ich kriege keine Luft, mach was!"

Abby wird schnell, holt eine große Spritze aus ihrer Arzttasche und flüstert Hetty zu:
"Lenk ihn ab, nimm seine Hände! Ich muss das Blut aus der Lunge abziehen. Eine Äthernarkose übersteht er in dem Zustand nicht. Ich muss es so machen."

Jess kommt es nicht richtig zu Bewusstsein aber er merkt, dass Hetty die ganze Zeit seine Hände hält:
"Gleich vorbei, dann geht es dir besser Jess."

Abby zieht eine prallvoll gefüllte Spritze Blut ab:
"So, das war`s erst einmal. Alle Achtung, da merkt man den Bullrider. Jess, ich muss dich jetzt abtasten ob du Knochenbrüche hast. Das wird wieder weh tun. Aber es geht nicht anders. Danach bekommst du was zur Beruhigung und dass du schlafen kannst."

Abby fängt mit dem Gesicht an, das Jochbein ist nicht gebrochen, bei den Rippen ist sie nicht sicher ob da etwas angeknackst sein kann, aber dem Fühlen nach nichts gebrochen. Sie dreht ihn mit Takodas Hilfe auf die Seite und sieht, dass auf dem Kreuz ein längliche grün-blaue Verfärbung ist.

Die Lebensgeister von Jess werden wach:
"Jetzt hör endlich auf Abby, sonst schaffst du was Luther Jenkins nicht geschafft hat! Das auf dem Kreuz war der Lauf der Sharps, den hat er mir voll von hinten ins Kreuz gedonnert. Was danach war weiß ich nicht."

Hetty streicht Jess die Haare aus der Stirn:
"Jungchen was ist dir da bloß passiert? Die Büffeljäger sind schreckliche Kerle."

Jess achtet nur auf Hetty und ihre Worte. Abby streicht mit dem Griff ihrer Schere an Jess`Beinen entlang, aber es kommt keine Reaktion. Takoda guckt Abby nur an und sie ihn. Sie nimmt eine Pinzette:
"Jess merkst du was?"

Er antwortet:
"Was soll ich denn merken, dass mir alle Knochen weh tun weiß ich auch so."

Dann erfasst er was Abby macht und fragt in voller Panik:
"Warum spüre ich nichts, ich fühle meine Beine nicht. Abby, Takoda was ist das? Sagt mir die Wahrheit!"

Die Ärztin guckt sorgenvoll. Damit hatte sie nicht gerechnet:
"Jess, ich will nicht lügen. Der Schlag mit dem schweren Gewehr aufs Kreuz hat dein Rückgrat schwer getroffen. Wahrscheinlich ist dein Rückenmark gequetscht und dort laufen die Nerven durch für alles was Hüfte abwärts ist. Es kann sein, dass es in zwei Tagen besser wird, in zwei Wochen oder vielleicht auch so geschädigt ist, dass es nie wieder wird. Du wolltest die Wahrheit. Das ist sie. Du brauchst jetzt viel Ruhe und wir müssen abwarten. Ins Hospital nach Cheyenne hat keinen Zweck. Ein Transport in deinem Zustand muss nicht sein. Dort würdest du auch nur liegen und das ist hier Zuhause besser für dich."

Takoda ist in großer Sorge:
"Abby du bist eine gute Medizinfrau, du hast das Blut aus der Lunge bekommen. Du weißt, dass uns Mutter Erde alles gibt was wir zum heilen brauchen. Es gibt eine Wurzel, die helfen könnte, ich werde sie suchen und finden."

Abby holt ein kleines Fläschchen aus ihrer Tasche und gibt es Hetty:
"Das ist Laudanum. Das wird ihm die Schmerzen etwas nehmen und ihn schlafen lassen. Davon gibst du ihm die ersten drei, vier Tage am Abend einen Kaffeelöffel voll. Er wird höllische Schmerzen haben, aber Morphium gebe ich nicht. Damit haben wir bei Soldaten ganz schlechte Erfahrungen gemacht. Es führt zur Abhängigkeit."

Takoda meint:
"Ja, die Dosis macht das Gift. Wir haben auch Jahrhunderte probiert. Leider darf ich nicht helfen, eure Regierung hat es Medizinmännern verboten ihren Beruf auszuüben."

Abby antwortet:
"Ich sehe es so, wer heilt hat recht. Was wir hier draußen auf der Ranch machen weiß niemand und Jess war immer von eurer Medizin überzeugt. Auf der anderen Seite hat er euch überzeugt eure Kinder gegen Pocken zu impfen. Es gibt Gutes in jeder Medizin. Suche diese Wurzel Takoda!"

(Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde den Medizinmännern und Frauen das Leben besonders schwer gemacht. In zahlreichen US-Bundesstaaten traten Verbote von Heilritualen in Kraft. 1887 setzte Washington schließlich die gesamte indianische Kultur auf den Index und untersagte den Ureinwohnern jegliche Ausübung religiöser und medizinischer Riten. Erst 1934 wurde das Verdikt aufgehoben.)

Hetty kümmert sich liebevoll um Jess. Frank würde es ihr nie verzeihen, wenn sie nicht für seinen einzigen Sohn da wäre. Als Jess am anderen Morgen wach wird, fängt sie gleich wieder an die geschwollenen Gesichtshälfte zu kühlen. Jess bittet sie, Jolene zu holen.

 
 
Jolene setzt sich zu ihrem Vater ans Bett. Vorher umarmt sie ihn vorsichtig:
"Ach Dad, ich habe es gewusst, diese Männer sind böse. Was haben sie dir bloß damit angetan?"

Jess ist zuversichtlich:
"Unkraut vergeht nicht. Jolene tu mir einen Gefallen, du musst noch vor der Schule zur Post gehen und ein Telegramm für mich abschicken."

Jolene holt Stift und Papier. Jess fällt das Sprechen schwer. Er diktiert ihr:
"An Wiley Peters, Bundesmarshall, Cheyenne!
Lieber Wiley, ich brauche unbedingt deine Hilfe. Hier sind Büffeljäger, die mich zusammengeschlagen haben und die letzten Bestände töten. Ich kann sie davon nicht abhalten. Du gehst beim Gouverneur ein und aus. Bitte überzeuge ihn davon, dass die Natur geschützt werden muss und damit die letzten Büffelbestände. Bitte beeile dich, jede Stunde zählt! In tiefer Freundschaft Jess Harper!
Jolene in meiner Jackentasche ist Geld, nimm den Dollar, vom Rest bringst du Süßigkeiten mit, die ihr Kinder möchtet."

Jolene tut was ihr Vater ihr aufgetragen hat. Hetty meint:
"Ich wusste gar nicht, dass dein Arm bis zum Gouverneur von Wyoming reicht. Hoffentlich tut der etwas und jetzt trink die Hühnerbrühe, die gibt Kraft."

Trotz aller Schmerzen denkt Jess nur an die Büffel, die er retten möchte und daran wie sie sich im Winter ihren Weg durch den Tiefschnee der Rocky Mountains bahnen.

 
 
So richtig hat Jess das Unglück mit seinen Beinen noch nicht erfasst und ist im Glauben, dass alles in ein paar Tagen besser für ihn sein wird.