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Kapitel 233
 
Für Jess ist es sehr anstrengend gewesen Jolene das Telegramm zu diktieren. Von der Hühnersuppe bekommt er kaum etwas herunter und schläft erschöpft wieder ein. Hetty geht in die Küche und hört auf einmal ein Geräusch. Takoda klettert durch das geöffnete Fenster. Hetty holt tief Luft:
"Mister Takoda, nein einfach Takoda, kannst du nicht wie ein normaler Mensch an die Tür klopfen? Du hast mich wahnsinnig erschreckt."

Takoda ist verlegen:
"Entschuldigung, das wollte ich nicht Mrs. Bolder. Ich habe die Wurzel gefunden von der ich denke, dass sie helfen könnte."

Takoda holt sie aus seiner Tasche und schneidet sie mit seinem großen Messer in kleine Teile.
"So, jetzt brauche ich einen großen Topf mit Wasser. Mit dem Sud aus der Wurzel müssen warme Kompressen auf das Kreuz vom Grauen Wolf gelegt werden, warm nicht heiß. Er merkt es nicht, wenn es zu heiß ist. Das ist wichtig. Immer wenn du Zeit dafür hast, wenigstens dreimal am Tag."

Hetty antwortet:
"Danke Takoda. Das bekomme ich hin. Hoffentlich hilft es ihm. Geschlafen hat er letzte Nacht einigermaßen mit der Medizin von Abby. Er hat heute morgen schon wieder etwas unternommen wegen der Büffel."

 
 
Bei sich denkt sie:
"In was bin ich hier hereingeraten? Noch nie etwas mit Indianern zu tun gehabt und nun stehe ich mit einem Medizinmann der Cheyenne am Herd und koche eine Wurzel von der ich nicht einmal weiß was es ist. Aber er ist ein guter Mann mit viel Wissen und ich vertraue ihm."

Laut sagt sie:
"Takoda, du kannst mich auch Hetty nennen. Das tun alle, die mich kennen."

Takoda blickt sie dankbar an:
"Danke Hetty, du bist eine gute Frau und lehnst unsere Medizin nicht ab. Ich darf es eigentlich nicht wenn es nach eurer Regierung geht aber ich muss einem guten Freund helfen. Aber nun muss ich wieder weg, die jungen Krieger sind sehr unruhig und wir müssen sie in der Reservation halten."

Takoda reitet auf seinem großen Pferd wieder zurück ins Indianerlager.

 
 
Angeschlagen wie Jess ist schläft er bis zum Mittag durch. Dann kommt Hetty mit einer warmen Kompresse. Sie schlägt die Bettdecke zur Seite und Jess guckt an sich herunter und stellt fest, dass er nur noch eine Boxershorts an hat. Als moderner Mann seiner Zeit zieht er die Boxershorts den Longjohns vor, die er nur im Herbst und Winter wenn es richtig kalt in den Bergen wird trägt. Eigentlich trägt er nachts Schlafanzüge, die er bei seinen Rodeotouren in Großstädten für sich entdeckt hat. Er würde nie ein Nachthemd wie Frank anziehen wie es damals in dieser Generation üblich war.
"Mrs. Bolder, wie bin ich aus meinen Klamotten gekommen? Ich weiß überhaupt nichts mehr. Abbys Laudanum vernebelt mir das Hirn völlig. Mir ist das so peinlich."

Hetty kann sich ein Grinsen nicht verkneifen:
"Jess, ich glaube jetzt ist wohl nicht die Zeit für Schamgefühle. Das waren Mr. Takoda und ich. Du musstest aus den nassen Sachen raus. Ich habe meinen Mann Leroy fast drei Jahre gepflegt und wir waren über 30 Jahre verheiratet. Ich weiß wie ein Mann aussieht."

Jess kann nicht anders und muss über Mister Takoda so lachen, dass ihm wieder der ganze Brustkorb weh tut:
"Mister Takoda hört sich einfach zu komisch an. Die Cheyenne haben keine Nachnamen Mrs. Bolder. Danke, dass du dich um mich gekümmert hast."

Hetty nimmt ihn an der Hand:
"Du brauchst dich nicht für jeden Handgriff bedanken und höre endlich auf mit dem Mrs. Bolder. Dann sage doch Henrietta."

Jess bleibt in seiner hilflosen Lage nichts anderes übrig als Hettys Hilfe anzunehmen. Nach zwei Tagen erwartet er eigentlich, dass wieder Gefühl in seine Beine kommt. Abby hat Hetty gezeigt, dass sie massiert werden müssen damit die Muskeln nicht verkümmern was Hetty regelmässig tut. Dann taucht auch noch am Nachmittag die Gemeindeschwester auf, eine stabile Frau im mittleren Alter, die so breit wie hoch ist. Das System der Gemeindeschwestern ist in den USA sehr etabliert. Sie haben sehr weit reichende Befugnisse fast wie Ärzte.
"Mich hat der alte Doc geschickt, ich soll hier zum Rechten sehen was mit dem Sohn seines Freundes Frank ist. Das Verhältnis zwischen ihm und dir Hetty soll ja nicht so besonders gut sein."

Sie zieht Jess an den Armen hoch und schimpft gleich:
"Warum hat der Mann keinen Stützverband für die Rippen, warum ist er nicht rasiert?"

Jess fühlt sich überfallen:
"Lass mich sofort los! Meine Kinder passen auf mich auf und vor allem Henrietta. Ich brauche dich nicht. Außerdem kommen meine Frau und mein Vater ja auch irgendwann wieder. Beehre ruhig einen anderen armen Teufel mit deiner Anwesenheit."

Hetty schüttelt nur ihren Kopf:
"Ich will Jess nicht quälen. Mit dem Auge und der geschwollenen Gesichtshälfte ist ein Dreitagebart kein Unglück und die Ärztin hat auf einen Stützverband verzichtet, weil er sowieso liegt und nicht laufen kann. Ich denke, wir kommen auch ohne deine Hilfe klar."

Dann schiebt Hetty die Gemeindeschwester sehr bestimmt zur Tür hinaus und verabschiedet sie.

Hetty guckt noch einmal zu Jess und zwinkert ihm zu:
"Kannst wieder entspannen, sie ist weg!"

Aus Jess bricht es heraus:
"Danke, diese Schwester vom Typ Army Sergeant ist das Letzte was ich jetzt brauche, ist so schon alles schlimm genug. Eigentlich sollte ich jetzt die eingefangenen Mustangs zureiten, die Wiesen kontrollieren was wir heuen müssen und und... Bullshit, nichts kann ich machen, nur dumm herumliegen und die Decke anstarren."

Einige Tage später klopft wieder an der Tür. Diesmal ist es Roy, der Sheriff von Laramie. Hetty lässt ihn zu Jess ins Zimmer:
"Howdy Jess, du siehst ja furchtbar aus. Ich habe es vom Doc gehört, hatte aber etwas sehr Wichtiges sofort zu erledigen sonst wäre ich schon früher gekommen. Warst du da mit im Spiel? Ich habe ein Telegramm von meinem Vorgesetzten bekommen, Bundesmarshall Wiley Peters. Es war obendrein noch vom Gouverneur unterzeichnet. Es war der Befehl sofort und unverzüglich das Töten der Büffel zu unterbinden.
Jess, es wird dich freuen, das wird hier alles National Forest. Der Name wird Medicine Bow National Forest sein. Dazu gehört das Gebiet der Büffel,

 
 
der Wald, die Medicine Bow Mountains, die Laramie Mountains und Gebiete, die bis Colorado reichen um Prairie- und Waldbüffel, natürlich auch andere Tiere, zu schützen. Wir bekommen hier einen Nationalpark wie der Yellowstone oder Grand Teton. Ist das nicht großartig? Der Gouverneur hat anscheinend noch viele Senatoren überzeugen können.
Die Büffeljäger waren von meinem Besuch nicht gerade angetan, allen voran ihr Boss Luther Jenkins mit dem du ja Bekanntschaft gemacht hast. Sie lagern weiter dort und wollen Befehle der Union Pacific abwarten. Aber es fällt kein Schuss mehr. Das wagen sie nicht. Das unsinnige Töten ist endlich vorbei. Was wird jetzt mit denen? Das ist Körperverletzung und Mordversuch was sie mit dir gemacht haben. Ich werde sie festnehmen und dann sollte die Sache vor Gericht gehen Jess."

Jess hört dem Sheriff zu und ist erleichtert:
"Endlich Schluss mit dem Töten! Luther Jenkins hat mich fast tot geschlagen. Aber eine Anklage? Er wird sagen, ich habe ihn provoziert was nicht stimmt und seine Kumpel werden dasselbe sagen. Sie werden schließlich von ihm bezahlt. Ich habe keine Zeugen, dass ich in Frieden gekommen bin. Da kommt doch nichts raus vor Gericht. Lass es Roy!"

Roy verabschiedet sich mit einem "Gute Besserung Jess und werde wieder fit bis zum nächsten Wettschießen, ohne dich ist das langweilig!".

(Bereits 1902 wurde der Medicine Bow National Forest offiziell. Heute gibt es dort viele Wanderwege, geführte Touren mit trittsicheren Pferden und Mulis, Mountainbiking, Klettern, Angeln, Rafting, Tierbeobachtungstouren mit Rangern und vieles mehr.)

Hetty fragt Jess:
"Wieso heißt das Gebiet Medicine Bow Forest Jess?"

"Henrietta, ich war mit Wiley schon als Junge viel in den Wäldern. Dort haben die Cheyenne ihre Medizin Zeremonien abgehalten und nur dort gibt es Mahagonigewächse aus denen sie ganz hervorragende Bögen fertigen. Wiley liebt die Natur genau wie ich und er weiß wie wichtig es ist, dass sie für unsere Nachkommen erhalten bleibt. Ich bin erleichtert, dass er den Gouverneur überzeugen konnte."

(Der Medicine Bow Forest umfasst ein Gebiet von fast 4400 Quadratkilometern und liegt im südöstlichen Wyoming. 1995 wurden die früher eigenständig verwalteten Gebiete Medicine Bow National Forest, Routt National Forest und das Thunder Basin National Grassland zu einem 11.209 Quadratkilometer National Forest zusammengefasst und gehört zu Wyoming und Colorado.
Der Park wird durch den United States Forest Service verwaltet, der direkt dem Landwirtschaftsministerium unterstellt ist. Das Parkhauptquartier ist Laramie. Der Besuch ist das ganze Jahr möglich und kostet keinen Eintritt. Die Parks befinden sich auf einer Höhe zwischen 1800 und 4300 Metern.)