<- Kapitel 236
Kapitel 237
 
Nach der fälligen Aussprache mit Hetty geht es Jess besser. Er befolgt ihre Ratschläge und wird deutlich stärker, so dass er sie bei ihren Pflegearbeiten entlasten kann. Takoda kommt regelmäßig vorbei um Nachschub der Wurzel zu bringen, die Jess helfen soll.
 
 
Dieses Mal hat Takoda ein wichtiges Anliegen. Er stellt sich neben das Bett und fragt Jess:
 
 
"Grauer Wolf, körperlich geht es dir schon viel besser, deine Kraft ist in die Schultern und Arme zurückgekehrt. Aber wie geht es deiner Seele? Du hast nicht umsonst als Totemtier den Wolf, der für einen ausgeprägten Familiensinn und Freundschaft steht.
 
 
Hat dich die Stille weitergebracht? Siehst du klarer warum du Hetty ablehnst als Frau für deinen Vater? Sie ist eine gute Frau und dein Vater hat das Recht noch einmal glücklich zu sein mit einer neuen Frau. Vielleicht wollten es die Geister so, dass du lange Zeit zum Nachdenken hast. Nichts geschieht umsonst auf Mutter Erde."

Jess guckt Takoda vielsagend an:
"Takoda, ich habe mehr Zeit als mir lieb ist. Ja, ich habe über mein Verhalten lange nachgedacht und lehne Hetty nicht ab. Wenn sie ein Mann wäre würde ich sagen, dass sie ein feiner Kerl ist. Ich weiß jetzt was an mir genagt hat. Ich war in einem fürchterlichen Durcheinander von Gefühlen gefangen. Du weißt doch, dass ich den schweren Unfall in New Orleans hatte. Damals hat mich Big Bad John zusammengetreten. Die Clowns haben ihn nicht schnell genug von mir wegbekommen. Der Bulle konnte nichts dafür. Ich war an dem Tag nicht gut drauf wegen der feuchten Hitze in New Orleans und hätte nicht reiten dürfen.

 
 
Ich bin nicht nachtragend und habe ihn nach dem Ende seiner Rodeokarriere auf die Ranch geholt. Nachdem ich gemerkt habe, dass er das Bullrope mit Bocken verbindet konnte ich ihn zähmen. Tatanka hat ihm noch einmal deutlich klar gemacht wer der Boss ist, seitdem ist Big John friedlich wie ein Lämmchen."
 
 
Takoda wirft ein:
"Ich werde wohl nie verstehen was weiße Männer zum Rodeo treibt. Aber auch da hat dich schon der Geist des Büffels beschützt."
 
 
Jess erzählt weiter:
"Ich habe lange im Krankenhaus von New Orleans gelegen, eine Woche im Koma. Das hätte mein Ende sein können. Danach habe ich ein halbes Jahr gebraucht, bis ich die weite Fahrt nach Hause machen konnte. Als ich in Laramie angekommen bin, waren Laura, die Dad den Haushalt führte, und Dad am Bahnhof. Dad hat es nicht fertiggebracht mir zu sagen, dass meine Mom in der Zeit gestorben ist und Laura hat mir dann gesagt, dass sie an ihrer Herzkrankheit gestorben ist. Laura und mein Vater waren bis zuletzt bei ihr und ich nicht. Vater hat es mir nachgetragen, dass ich nicht nach Hause gekommen bin. Sie wussten ja nichts von meinem Unfall und mich hat es fertiggemacht mich nicht von Mutter verabschiedet zu haben und nur noch ihr Grab besuchen zu können und jetzt kommt Dad mit einer neuen Frau daher und hat es nicht einmal nötig mir das persönlich zu sagen. Nein, ich musste es von Sam im Saloon erfahren. Da habe ich mich irgendwie eingebockt wie Raylan jetzt hin und wieder macht. Dir habe ich auch geraten wieder zu heiraten.
 
 
Bei dir konnte ich es, bei meinem Dad nicht. Da stimmt etwas mit mir nicht, weiß ich jetzt. Das alles war mein Gefühlschaos. Das weiß ich jetzt. Mom ist tot und kommt nie wieder. Ich werde sie nie vergessen, aber das Leben geht weiter. Vater hat mit Hetty eine gute Frau und meine Kinder lieben sie auch sehr als Grandma. Für mich hat sie alles getan um mir meine Lage einigermaßen erträglich zu machen und das obwohl ich sie nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen habe."

Takoda hat gespannt zugehört:
"Es ist gut, dass du deine Gefühle endlich geordnet hast. Aber sage es Hetty und deinem Vater! Dann wird alles gut. Sie muss weiter die warmen Umschläge machen und deine Beine massieren. Der Geist des Büffels wird dir helfen. Ich bin sicher du wirst wieder laufen, aber den ersten Schritt musst du auf Hetty und dann auf deinen Vater zu machen. Die Beiden warten nur darauf Grauer Wolf."

Jess nickt zustimmend und hat auch bald Gelegenheit Hetty zu trösten.

Für das reichhaltige Abendessen steht Hetty in der Küche und macht sich dort zu schaffen. Die Tür steht auf und so hört Jess, dass sie weint.
"Hetty, was ist los? Warum weinst du?"

Hetty schluchzt:
"Nichts ist los, ich schäle die Zwiebeln für das Essen."

Jess kann durch den Spalt der Tür sehen was Hetty macht:
"Hetty, ich bin gelähmt und kann nicht laufen, aber ich habe es nicht mit den Augen. Du schälst Kartoffeln. Komm doch bitte mal zu mir!"

Hetty wischt sich mit ihrer Schürze die Tränen ab und geht zu Jess.
"Du hast ja recht, es sind Kartoffeln und ich weiß ja selbst nicht was mit mir los ist. Ich heule, weil ich Frank so vermisse. Das Roundup geht jetzt schon so lange."

Jess hält sich mit einer Hand am Galgen fest und mit dem anderen Arm umarmt er Hetty:
"Auch eine starke Frau darf mal weinen und braucht eine starke Schulter zum Anlehnen. Du vermisst meinen Vater sehr so wie ich Laura. Vielleicht bin ich im Moment auch nicht gerade die starke Schulter, aber es hilft ja nichts. Wenn wir uns hinsetzen und heulen kommen Laura und Dad auch nicht schneller zurück."

Hetty muss weinen und lachen gleichzeitig und setzt sich neben Jess.

 
 
Hetty bedankt sich bei Jess, dass er sie in den Arm genommen hat:
"Jess, du bist deinem Vater ähnlicher als du denkst. Ich liebe Frank, aber ich kann ihm nicht die Enkelkinder nehmen, wenn wir in die Stadt ziehen. Das wäre nicht richtig und ich kann es ihm nicht antun. Ich habe die Kinder in der ganzen Zeit hier auch so lieb gewonnen und du Jess bist auch anders als du es nach außen hin zeigst. Ich habe dich als verzweifelten und verletzten Mann gesehen und bin froh, dass es dir jetzt besser geht."

Jess lächelt:
"Hetty, wer sagt denn, dass mein Dad auf die Kinder verzichten muss? Du hast mal gesagt, dass du gern Enkelkinder hättest. Ich denke, da reichen doch unsere Mädchen und Raylan. Ich würde mich freuen, wenn ihr hier auf der Ranch bleiben würdet und Laura hat bestimmt nichts dagegen. Ich habe nur Angst, dass sie mich so nicht mehr will. Bei dir und Frank ist alles klar, ihr liebt euch und wollt zusammen leben. Das ist für mich in Ordnung, nur dass ich mit Dad noch ein Hühnchen rupfen muss, dass ich von euch im Saloon erfahren musste und da ins offene Messer gerannt bin. Mach meinen Dad glücklich Hetty! Takoda hat recht, mein Totemtier, der Wolf, hat sich durchgesetzt. Die Cheyenne sagen:
Eine Familie zu sein heißt ein Teil von etwas Wunderbaren zu sein, es bedeutet du wirst lieben und geliebt werden für den Rest deines Lebens."

 
 
Hetty hat zugehört und Jess nicht unterbrochen:
"Ich bin so froh Jess, dass du die Dinge inzwischen anders siehst. Mr. Takoda hat recht, dass die Stille dich stark macht. Danke, dass du mir die Kultur der Cheyenne so nahe gebracht hast! Sie sind keine Wilden wie unsere Regierung behauptet. Was deinen Dad betrifft, ich liebe ihn und er mich, wenn er sogar in die Stadt ziehen will. Aber das braucht er jetzt nicht mehr. Jetzt müssen Frank und Laura nur noch wiederkommen."

Jess seufzt:
"Ich sehne mich so nach Laura, sie fehlt mir so sehr, aber ich habe auch Angst vor dem Wiedersehen."

Hetty klopft Jess aufmunternd auf die Schulter:
"Laura liebt dich, aber du musst ihr auch Zeit geben sich auf die veränderte Situation einzustellen. Zuerst wird es für sie ein Schock sein, wenn sie und auch Frank es noch nicht erfahren haben. Aber jetzt muss ich mich ums Essen kümmern."