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Kapitel 261
 
Gleich am nächsten Nachmittag reitet Jess mit seinem Vormann Patrik los um die Sturmschäden auf dem Gebiet der Tumbleweed in Augenschein zu nehmen.
 
 
Dem Sturm sind viele Bäume zum Opfer gefallen darunter auch sehr alte mächtige Exemplare. Jess meint dazu:
"Bei dem vielen Holz was hier rumliegt können wir wohl den ganzen Sommer lang durchheizen. Wir machen uns gleich morgen an die Arbeit. Die Hands, die ich gestern angeheuert habe, sind schon im Bunkhouse."

Patrick meint nur kurz wie es seine Art ist:
"Ja Boss, gleich morgen."

Die Tumbleweed hat nur ein kleines Bunkhouse, das aus den Zeiten stammt, als die Vorfahren von Frank und Jess noch Rinder gezüchtet haben. Das Bunkhouse ist ein Gebäude für die Rancharbeiter, die Hands, sehr spartanisch eingerichtet mit schmalen Betten in einem großen Raum, da die Cowboys meistens alleinstehende Männer waren. Es gibt dort wenig Privatsphäre. Eigentlich wohnt dort der Arbeiter Jeremy allein, da Patrick als Vormann ein Zimmer im Obergeschoss des Ranchhauses hat.

Gleich am nächsten Tag beim anbrechenden Morgengrauen nach einem reichhaltigen Frühstück geht es los mit den Aufräumarbeiten. Etliche Bäume sind entwurzelt oder stehen gefährlich schräg und drohen umzustürzen, eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die weidenden Pferde und Jess`Bullen. Jess lässt den großen Wagen anspannen, um darauf das Werkzeug zu laden und auf dem Rückweg schon Holz mitnehmen zu können. Das "ein wenig aufräumen" wie Jess es harmlos bezeichnet, ist eine gefährliche Arbeit. Zuerst rücken die Männer die kreuz und quer wie Streichhölzer übereinander liegenden Bäume auseinander, unter denen es welche mit gigantischen Ausmaßen gibt. Dann ziehen sie die schräg stehenden Bäume um. Die Arbeit ist an keinem Baum gleich. Bei manchen muss man den gewaltigen Wurzelballen ziehen, bei anderen Seile um den Stamm legen, bei kleineren Exemplaren, die unten nicht mehr benadelt sind, sondern nur kurze Aststumpen haben, werfen sie das Lasso über die Stümpfe und ziehen. Hauptsächlich stehen auf dem Gebiet der Tumbleweed Zedern, Kiefern, Douglasien und auch einige Mammutbäume, denen Stürme nichts so schnell anhaben kann. Den Männern macht es Spaß ihre Kraft und Geschicklichkeit unter Beweis zu stellen und so kommen sie auf dem weitläufigen Ranchgelände gut voran.

 
 
Tatanka guckt den arbeitenden Männern aus weiterer Entfernung zu.
 
 
Die neuen Männer wundern sich, aber wissen, dass dieser Indianerbüffel zur Ranch gehört und nicht geschossen werden darf. Sie akzeptieren es und bewundern Jess wie umsichtig er die Arbeiten mit dem Holz managt. Trotz langen Jahren auf Rodeos als Bullrider ist Jess mit allen auf der Ranch anfallenden Arbeiten groß geworden und beherrscht sie.

Die Männer kommen am Abend immer müde und ausgehungert zurück ins Bunkhouse, essen reichlich und schlafen dann auch gleich ein nach dem anstrengendem Tag. Jess will sein Pferd versorgen und begegnet noch Hetty und Raylan bei den Hühnern.

 
 
Jess strahlt Hetty an:
"Neues Feuerholz habe ich dir schon in die Küche gebracht. Morgen noch mal ein langer Tag, dann ist es geschafft mit dem Aufräumen."

Hetty antwortet:
"Danke Jess! Passt gut auf euch auf!"

Raylan steht auf:
"Dad, darf ich morgen mit?"

Von Jess kommt nur kurz:
"Nein, das ist zu gefährlich für Kiddys. Ich kann nicht noch auf dich aufpassen. Dazu musst du erst älter werden Kleiner."

Raylan weiß wenn sein Dad den Boss rauskehrt muss er sich fügen.

Am nächsten Tag sind alle froh, dass es der letzte Tag mit den körperlich sehr anstrengenden Arbeiten sein wird. Patrick reitet seinen starken Monty.

 
 
Übermütig klingen die Rufe der Arbeiter mit denen sie sich gegenseitig anfeuern, wenn sie ihre Lassos werfen oder an unteren Ästen befestigen, um wieder eine Zeder oder Douglasie zu Boden zu ziehen. Manches Mal wird Jess die Frotzelei zu dumm, wenn niemand sein Lasso richtig platzieren kann und er reitet ruhig heran, taxiert die Entfernung und bringt sein Lasso mit einem Wurf an die gewünschte Stelle und zieht den Baum um. In diesen Momenten wird es den Arbeitern klar, dass Jess nicht nur der Boss ist, weil er ihren Lohn bezahlt.

Nach einem langen warmen Tag lassen bei den Männern Kraft und Konzentration nach. Jess ist zufrieden mit dem was erreicht ist und ruft:
"Es reicht für heute, Werkzeug einpacken und ab nach Hause!"

Da fällt Patricks Blick auf eine kleine, schräg stehende Zeder. Sie ist wie viele nur noch oben benadelt und im unteren Bereich gibt es nur noch kleine, vertrocknete scharfe Stümpfe. Obwohl er auch abgespannt ist, packt ihn der eigene Übermut, er treibt Monty heftig an und galoppiert auf die Zeder zu.

In vollem Galopp wirft Patrick das Lasso und er erwischt auf Anhieb einen der unteren Äste. Übermütig ruft er laut "Yeah" und treibt Monty voran, der mit aller Kraft zieht. Bei seiner ausgelassenen Stimmung begeht er einen großen Fehler. Er übersieht, dass sich ein anderer Baum gegen die Zeder gelehnt hat, der nun ebenfalls zu Fall kommt. Jess erkennt blitzschnell die Gefahr, springt auf sein Pferd um Patrick aus der Gefahrenzone zu bringen. Aber zu spät! Beide Bäume stürzen mit einem zischenden Geräusch, das der Luftsog verursacht, zu Boden. Der erste streift Jess im Gesicht, zerfetzt ihm einen Teil seines Hemds mit scharfen Splittern und hinterlässt blutende Risse über die Schulter bis zum Rücken herab. Der zweite Baum reißt Patrick aus dem Sattel und begräbt ihn unter sich. Dabei schleudert er Patrick bäuchlings seitwärts unglücklicherweise auf eine andere auf dem Boden liegende Zeder deren Stümpfe sich in den Brustkorb quetschen. Die Pferde sind davon gelaufen und haben keinen Schaden genommen. Patrick schreit vor Schmerz und Ärger laut auf.

Jess ist sofort bei ihm:
"Ganz ruhig Paddy, wir holen dich hier raus."

Der Vormann stöhnt und flüstert leise:
"Ich kann mich nicht bewegen und kriege kaum noch Luft."

Die anderen Männer kommen alle dazu. Jess wischt sich das Blut aus dem Gesicht und überlegt. Es ist nicht einfach Paddy aus seiner Lage zu befreien ohne ihn weiter zu verletzen und schon gar nicht ohne ihm weitere Schmerzen zuzufügen. Am besten ist es, den Baum unter dem Paddy liegt, anzuheben. Aber das ist bei der großen Zeder leichter gedacht als getan. Irgendwann mit Hilfe von dicken Stützästen gelingt es den Männern auf Jess`Kommando mit Hilfe der Hebelwirkung Patrick frei zu bekommen. Er ist nicht in der Lage sich zu bewegen. Jeder Atemzug schmerzt höllisch. Jess meint:
"Paddy, ich weiß was du jetzt mitmachst. Aber irgendwie müssen wir dich nach Hause bekommen. Du John, reitest gleich los nach Laramie und holst den Doc auf die Tumbleweed. Ihr anderen sammelt alle belaubte Äste. Damit polstern wir den Wagen damit es Patrick bequemer hat. Los!"

Die Männer beeilen sich und legen Patrick vorsichtig in dem einer die Beine nimmt und ein anderer den Oberkörper ohne ihm den Brustkorb zu quetschen auf den Wagen. Monty wird an den Wagen gebunden und Jess fährt vorsichtig und versucht die schlimmsten Schlaglöcher zu vermeiden.

Zu Hause springt er gleich vom Wagen.

 
 
Raylan sieht aus dem Fenster und ruft:
"Mom, Grandma, Grandpa, sie kommen wieder! Aber Patricks Monty ist am Wagen angebunden. Da stimmt etwas nicht!"

Laura sieht aus dem Fenster wie ihr Mann die Klappe vom Wagen hinten öffnet und sieht Patrick im Wagen liegen. Sie läuft geistesgegenwärtig ins Obergeschoss und deckt sein Bett auf.

Inzwischen hat Jess Hilfe von Grandpa Frank.

 
 
Jess und Frank tragen Patrick vorsichtig nach oben auf sein Zimmer und legen ihn auf sein Bett. Während Jess erzählt was passiert ist, zieht er ihm Hemd und Unterhemd aus. Hetty holt nasse Handtücher und kühlt Patricks Brustkorb. Da stürmt Abby ins Zimmer, die von den Arbeitern gehört hat, was passiert ist. Eigentlich will sie nur ihr Pferd auf der Tumbleweed besuchen und natürlich auch Patrick.
 
 
Sie ist erschrocken Patrick so zu sehen:
"Darling, Liebster, ganz ruhig atmen, alles wird gut!"

In dem Moment kommt der alte Doc zur Tür rein:
"Ich habe gehört, es hat einen Unfall gegeben mit eurem Vormann. Dann will ich ihn jetzt untersuchen. Abby verlasse bitte den Raum! Du scheinst mir nicht den professionellen Abstand zum Patienten zu haben."

Jess murmelt:
"Der verdammte Idiot musste sich mit einer Zeder anlegen, aber ich glaube, er hat Glück gehabt, hätte schlimmer kommen können!"

Abby ist entrüstet:
"Nein, ich verlasse nicht den Raum. Ich bin Ärztin und sehe nicht zum ersten Mal einen Mann. Ich bleibe hier."

Der Doc schüttelt seinen Kopf:
"Daran werde ich mich wohl nicht so schnell gewöhnen, Frauen als Arzt, aber Abby ist eine verdammt gute Ärztin. Dann bleib da!"

Der Doc untersucht Patrick und stellt fest, dass er durch das umsichtige Handeln von Jess mit Prellungen davon kommt, die allerdings höllisch schmerzen.
"Das sind heftige Prellungen am Brustkorb, die sind gerade dort sehr schmerzhaft. Für die nächsten zwei Wochen wirst du nicht reiten können und danach nur kurze leichte Strecken. Jetzt gebe ich dir was damit du schlafen kannst und weniger Schmerzen hast."

Dann sieht er Jess an, der zunehmend blasser wird:
"Nun zu dir Bullrider, du scheinst mir auch nicht ganz ohne Blessuren davon gekommen zu sein."

In der Küche sackt Jess auf einem Stuhl fast zusammen. Der Doc desinfiziert die Schramme im Gesicht und den Riss auf Schulter und Rücken mit medizinischem Alkohol. Jess flucht:
"Verdammt, das brennt wie Feuer! Hättest mir lieber einen Whiskey zu trinken gegeben, das beruhigt. Das brauche ich jetzt."

Laura gibt ihrem Mann ein kleines Glas weil sie ihm ansieht, dass ihn jetzt wo Ruhe einkehrt und ihm zu Bewusstsein kommt was passiert ist, der Kreislauf verlässt. Jess stöhnt:
"Und alles wegen diesem Idioten, der sich mit einer Zeder anlegen muss! Nun kann ich seine Arbeit auch noch 14 Tage mitmachen!"

Bevor Jess und Laura schlafen gehen, vergewissert sich Jess noch einmal, dass es Patrick gut geht. Abby sitzt bei ihm, gibt ihm zu Trinken, streichelt ihm die blassen Wangen und küsst ihn auf die Stirn. Jess wundert sich. Er kennt seinen Vormann genau. Patrick mag es nicht wenn andere Menschen merken, dass es ihm nicht gut geht und wenn andere Menschen auch noch "Frau" sind, dann ist es doppelt so schlimm. Jetzt liegt er mit zufriedenem Gesicht im Bett und lässt sich von Abby wie ein kleines Kind alles gefallen. Jess sagt leise:
"Gute Nacht, ich glaube meine Hilfe wird hier nicht gebraucht und gute Besserung Paddy!"

Jess muss an den Zwischenfall auf seiner Bullenweide denken als Patrick mit den Hörnern des Longhorns Bekanntschaft gemacht hat.

 
 
Damals war Abby neu im County als Landärztin und Patrick wollte sich partout nicht von einer Frau behandeln lassen, sondern hat seine Zudecke bis zum Hals gezogen. Erst als Jess ein Machtwort gesprochen hat, durfte Abby nach ihm sehen.

Jetzt ist anscheinend alles anders, denkt Jess und erinnert sich an Patricks Spruch - nichts ist schlimmer als sein Pferd zu verlieren oder zu heiraten und lächelt vor sich hin. Dann schläft er mit zufriedenem Gesichtsausdruck neben Laura ein.