<- Kapitel 261
Kapitel 262
 
Ungefähr zwei Stunden schläft Jess einigermaßen ruhig. Dann ruft er laut:"Paddy, Baum fällt!". Laura schreckt auf und pufft ihn in die Seite:
"Aufwachen Darling, hier fällt kein Baum, du bist in unserem Schlafzimmer und mit Patrick ist alles o.k."

Jess dreht sich nur grummelnd um und schläft weiter. Als er am Morgen aufwacht, macht er sich bittere Vorwürfe, dass Patrick verletzt wurde, weil er nicht mit dem Übermut des irischen Vormanns gerechnet hat.

Die Ärztin Abby hat in Patricks Zimmer übernachtet und die Tumbleweed schon beim ersten Tageslicht verlassen, da sie sich nach einem dringlichen Appell des alten Docs um andere Patienten außerhalb kümmern muss.

 
 
Laura ist schon zusammen mit Hetty in der Küche und sorgt für das Frühstück. Jess kommt verschlafen, sich noch den Schlaf aus den Augen reibend, die Treppe herunter, lässt sich auf das Sofa am Esstisch fallen und grummelt: "Morgen!"

Hetty lächelt ihn an und füllt gleich seine Tasse mit starkem Kaffee.

 
 
Hetty weiß selbst nicht recht warum, sie liebt die Kinder, Laura und natürlich an erster Stelle ihren Frank, aber Jess mit seinen dunkelbraunen Haaren und den unergründlich tiefblauen Augen wie der Himmel über Wyoming im Sommer und seinem Lächeln ist so etwas wie ihr Lieblingskind. Vielleicht weil ihr Verhältnis zueinander anfangs so spröde war, vielleicht weil er, hätte sie mit ihrem ersten Mann Kinder gehabt, im gleichen Alter ist. Sie würde es aber nie zugeben.

Frank schimpft aus der Küche:

 
 
"Hetty, Liebling, gieß mir doch auch Kaffee ein, ich komme gleich. Warum bedienst du immer Jess sobald er wie ein Schlafwandler die Treppe runterkommt?"

Hetty lacht:
"Ach Frank! Du bist wach beim ersten Tageslicht wenn der Hahn kräht. Jess ist nicht so schnell und er braucht etwas Unterstützung um in den Tag zu starten und das Zauberwort heißt Kaffee."

Hetty lächelt Jess zu und der bringt es fertig Hetty anzustrahlen, während Frank nur seinen Kopf schüttelt:
"Junge, du solltest langsam mit der Arbeit anfangen, Patrick muss ersetzt werden. Ich packe auch gleich mit an bei den Pferden."

Jess antwortet:
"Danke Dad, aber erst gucke ich nach Patrick, ob er noch schläft oder ob er etwas braucht, auch wenn er es nicht gewöhnt ist, dass sich jemand um ihn kümmert."

Jess hängt im Lauf der Jahre immer mehr an Patrick, der keine schöne Kindheit hatte. Die Eltern sind früh gestorben. Er und seine Geschwister sind auf verschiedene Waisenhäuser verteilt worden. Als er alt genug war auf eigenen Füßen zu stehen, war er sauer auf sich und die Welt und hat sich als Herumtreiber mit Gelegenheitsarbeit über Wasser gehalten. Erst auf der Tumbleweed, als Jess erkannte, dass er eine gute Hand für Pferde hat, lernte er so etwas wie ein Zuhause kennen. Das war auch der Grund weshalb ihm Jess ein Zimmer im Obergeschoß bewohnen lässt und nicht das Bunkhouse wie Jeremy oder andere Arbeiter, die mehr oder weniger wechseln, je nachdem wie viele für anstehende Arbeiten gebraucht werden.

Jess geht nach oben mit einer Tasse warmer Milch und ein paar Sandwiches. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass sich Kaffee mit Schmerzmittel nicht so gut verträgt. Er klopft vorsichtig an und öffnet leise die Tür. Patrick guckt ihn wie einen Geist an:
"Du bist es Jess. Mensch, so einen Hangover habe ich noch nie gehabt, haben wir gestern lange gepokert? Muss auch wahnsinnig viel Bier und Whiskey gewesen sein und du bist schon auf den Beinen?"

Jess grinst:
"Oh Paddy, war wohl nichts mit Pokern! Du hast dich mit einer Zeder angelegt und Abby hat wohl das Laudanum großzügig dosiert."

Patrick guckt Jess verständnislos an:
"Muss ich jetzt sterben? Mir tut alles weh und mir ist kotzübel. Tust du mir einen Gefallen, Jess?"

Jess antwortet:
"Was möchtest du denn, Paddy?"

Patrick seufzt:
"Wenn ich gestorben bin, begräbst du mich auf der Wiese bei Jefferson Lane, wo die große Weide steht?"

Jess guckt ihn in gespielten Ernst an:
"Meinst du, dass Jefferson Lane der richtige Ort ist? Ich denke eher an den Friedhof in Laramie auf dem Stück gegenüber dem Saloon. Da können dann alle deine Pokerbuddies, mich selbst eingeschlossen, mit gezogenem Hut dir die Ehre erweisen. Du kannst doch nicht allen zumuten bis da rauf zu Jeffersons Lane zu reiten."

Patrick wird langsam etwas klarer und muss lachen worauf er sich wieder die geprellte Seite halten muss und kaum Luft bekommt. Dann japst er:
"Hast recht Jess, darüber muss ich wohl wirklich noch nachdenken."

Jess stellt das Tablett hin:
"Du solltest jetzt einen Happen essen und trinken. Dann ruhe dich aus Paddy! Scheinst ja langsam wieder normal zu werden!"

Patrick guckt Jess dankbar an:
"Danke fürs Frühstück, mal sehen ob ich etwas runterbekomme! Tut mir so leid, dass ich jetzt ausfalle, kannst mir das vom Lohn abziehen Jess."

Der schüttelt den Kopf:
"Nope Paddy, du warst auch immer für mich da, wenn es mir nicht gut ging. Nun ruhe dich aus, Abby kommt sicher später am Tag nochmal, um nach dir zu sehen. Schlaf dich aus, das ist das Beste, das du jetzt tun kannst. Dein Hangover ist ja wirklich vom Feinsten."

Jess schließt leise die Tür und widmet sich dann dem Füttern seiner Bullen, die schon auf ihn warten.