<- Kapitel 279
Kapitel 280
 
Red Wolf Benson stößt Flüche zwischen seinen langen Eckzähnen, denen er den Spitznamen "Wolf" verdankt, hervor. Er verflucht seine Entscheidung seinem Bruder Ken erlaubt zu haben den Jungen mit zu nehmen. Es hängen dicke gelb-graue Wolken über den Berggipfeln und die Temperatur fällt rapide. Er weiß, dass sein Bruder nicht richtig im Kopf ist. Aber er ist der letzte Blutsverwandte und er hat warum auch immer eine Schwäche für ihn. Warum, darüber denkt er nicht mehr nach. Er hat einfach nur zum Spaß Menschen erschossen um seinen Bruder zu unterhalten. Ken ist eine einfältige Seele, die Freude an Tieren und kleinen Kindern hat. Wie oft hat er schon ein Tier auf dem harten Trail, den die Gang reitet, aufgelesen. "Wolf" zieht die dicke Jacke enger um sich und flucht:
"Verdammtes Wetter, macht einen Mann verrückt!"

Bald würde der Trail rutschig und schwer zu reiten sein. Der Junge würde nur aufhalten. Wolf Benson ist schlechtgelaunt, hungrig und kalt.

Raylan sitzt vor dem einfältigen Ken im Sattel und starrt auf ein zerbrochenes Weihnachtsplätzchen. Was war aus ihm geworden? Noch vor kurzer Zeit war er in der Küche bei seinen Großeltern und dann fiel der Schuss, der seinen Grandpa getroffen hat. Vorher hatte Floyd seine liebe Grandma Hetty geschlagen. Er denkt nicht darüber nach ob sein Grandpa tot ist. Nein, das erträgt er nicht. Er hat Angst vor den Männern. Am meisten vor Wolf, Parker und Floyd. Ken war komisch. Er war groß wie ein Bär, ein riesiger Mann, aber er handelt wie ein Kind. Er hat sich die Taschen mit Plätzchen vollgestopft, die jetzt alle kaputt waren. Er kann doch nicht einfach einen Jungen wie ihn mitnehmen und ihn zu seinem Bruder machen. Er überlegt ob er eine Gelegenheit findet wegzulaufen. Aber er würde sich hoffnungslos verirren. Er würde nie den Weg zurück zur Tumbleweed finden. Nein, er muss sich fügen und warten. Sein Dad würde kommen und ihn holen.

Er würde die Outlaws töten, Grandpa wäre nicht tot und alle feiern Weihnachten. So muss es sein und nicht anders...

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Jess reitet Rover stetig voran und holt Zeit auf.

 
 
Er fühlt sich schuldig, dass er in der Stadt war und nicht auf der Ranch als der Überfall passierte. Ab und zu steigt er vom Pferd um sich die Spuren näher anzusehen. Der Wind pfeift immer stärker und die Spuren verwehen immer schneller. Der eisige Schnee tut im Gesicht weh.
 
 
Jess hat von den Cheyenne gelernt Spuren zu lesen. Ab und zu entdeckt er in niedrigerer Höhe als ein Mann auf einem Pferd sitzt abgebrochene Zweige der Bäume, die den Trail säumen. Jess denkt:
"Das ist mein Junge. Er will mir beim Aufspüren helfen, cleverer Bursche."

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Wolf Benson befiehlt den drei anderen Banditen zu warten. Floyd und Parker wundern sich während Ken unbegrenztes Vertrauen zu seinem Bruder hat und tut was er sagt. Wolf reitet ein Stück des Weges zurück. Parker schimpft: "Verdammter Wind und Schnee, erst schwitzt man und dann friert man sich den Hintern ab! Wie lange sollen wir denn noch auf Wolf warten?"

Der einfältige Ken meint:
"Wir warten bis Wolf zurückkommt."

Er mag Parker und Floyd nicht, speziell Floyd, der die alte Dame, die so gute Plätzchen macht, geschlagen hat. Er denkt nicht mehr länger darüber nach, weil ihm das nur Kopfschmerzen bereitet. Er zieht sich seinen Schal enger um den Hals und sieht nach einer Weile einen einsamen Reiter kommen.

Ken strahlt: "He, das ist Wolf, er ist wieder da."

Wolf steigt vom Pferd und sagt mit seiner krächzenden unsympathischen Stimme:
"Wir werden verfolgt."

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Jess hat die Gang in einem effizienten Tempo so gut verfolgt, dass er nur noch wenige Meilen von ihr getrennt ist. In seinem Inneren machen sich Dunkelheit, Schuld und Rachegefühle breit. Er hätte für seine Familie da sein müssen. Jess hat schon häufiger den Trail der Rache geritten, in Suchtrupps mit dem Sheriff, weil er einer der besten Spurenleser im County ist. Aber noch nie hatte er so viel zu verlieren. Er kennt den Purgatory Pass, Fegefeuer, er sollte wohl lieber Höllenpass heißen. Jess hat keinen Schlachtplan, er kann nur auf den Überraschungsmoment hoffen und den Banditen auflauern. Der Trail geht in Serpentinen nach oben. Als Jess die vier, von denen einer Raylan vor sich im Sattel hat, erkennen kann entschließt er sich, Rover auf einem Stück wo früher eine Lawine abgegangen war und es nur spärliche Vegetation gibt, nach oben zu reiten um der Gang auflauern zu können. Im Augenblick kann er noch gut aufwärts reiten, aber die gelbgrauen Wolken ballen sich immer mehr zusammen und verheißen nichts Gutes.

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Wolf ist verärgert. Er überlegt wie es sein kann, dass so schnell ein Verfolger hinter ihnen her ist. Den Besitzer der Ranch hat er erschossen. Er hätte die alte Dame auch erschießen sollen, er wird weich auf seine alten Tage die Frau nicht zu erschießen und Ken zu erlauben den Jungen mitzunehmen. Vielleicht ist ein Nachbar gekommen? Die Entscheidung über den Pass zu reiten im Winter ist auch falsch gewesen. Er lässt Parker und Floyd führen und reitet mit seinem Bruder hinter ihnen her. Er schüttelt seinen Kopf beim Anblick seines Bruders, der beide Arme um den Jungen gelegt hat um ihn vor der Kälte zu schützen. Ken hat ein großes Herz und ist zu weich für diese Welt.

Plötzlich trifft ein Gewehrschuss Parker direkt in die Brust. Er bleibt im Steigbügel hängen. Sein Pferd zieht ihn hinter sich her. Seine Schreie sind über den ganzen Pass zu hören als ein zweiter Schuss Floyd in den Kopf trifft, der sofort tot aus dem Sattel fällt. Geschockt greift Wolf nach seinem Gewehr und gibt einige Schüsse in Richtung des unbekannten Schützen ab. Er hört einen Schmerzensschrei.

Wolf ruft seinem Bruder zu:
"Hab`ihn! Los, über den Abhang in die Bäume!"

Ken schreit:
"Aber Parker und Floyd?"

Wolf knurrt:
"Die sind tot. Los Ken, reite zu den Bäumen!"

Jess lehnt hinter einem Felsen, den er als Deckung benutzt, öffnet seine Jacke und stöhnt. Blut sickert über seine Hand. Der erste Schuss von Wolf hat seine Schulter getroffen, die anderen sind daneben gegangen. "Verdammt, auch das noch!" flucht er. Rover und die Pferde von Parker und Floyd haben Fersengeld gegeben. Jess geht los um die Bensons einzuholen. Jeder Schritt ist eine Kraftanstrengung.

Sein Atem kommt in kurzen, schmerzhaften Zügen und es wird immer schwerer für ihn auf Grund des Blutverlustes bei Bewusstsein zu bleiben:
"Los Harper, du kannst jetzt nicht aufgeben, sie haben Raylan."

Verbissen kämpft er sich vorwärts indem er sich an Büschen und Ästen festhält.

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Hoch oben auf den höchsten Bergwipfeln des Purgatory Passes ist der Schnee in Bewegung gekommen, der Chinook, der alles angeschmolzen hat und jetzt der Neuschnee, der über diese Masse gefallen ist mit dem eisigen Wind, der darüber hinwegfegt, ist es eine fragile Masse geworden. Die Schwerkraft siegt und die Tod bringende Masse, die alles verschlingt was im Weg ist, setzt sich in Bewegung. Das Rumpeln und Grollen kommt immer näher.

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Raylan strampelt verzweifelt um von Ken los zu kommen. Aber der Riese hält ihn wie ein Schraubstock fest. Wolf beeilt sich die Baumgrenze zu erreichen. Er ist nicht sicher, ob er den Schützen getötet hat. Wer immer dieser Schütze ist, er ist verdammt gut, zwei Schüsse, zwei Tote. Wie zur Hölle konnten sie so schnell aufgespürt werden?

Jess stützt sich an einen Baum. Er hält die Augen geschlossen gegen das Feuer in seiner Schulter. Der Schmerz erdet ihn und Adrenalin pusht ihn vorwärts. Er weiß, dass er keine Zeit mehr hat, die Lawine läuft auf alle zu. Von dort wo er steht hat er gute Sicht. Er sieht Ken, der Raylan vor sich auf dem Sattel hat und er vermutet Wolf mit der Ausrüstung auf dem anderen Pferd. Er kann nur einen ausschalten ohne Raylan zu gefährden. Mit einem Laut der Verzweiflung lehnt er den Gewehrkolben an seine verletzte Schulter und tut etwas, das er noch nie getan hat, auf einen Mann von hinten schießen. Wolf hat auf seinen Vater geschossen, seinen Sohn entführt und einer der Bande hat Hetty geschlagen. Es gibt keinen Warnschuss, keinen Anruf als Jess den Abzug seines Gewehrs betätigt.

Wolf sitzt auf dem Pferd und realisiert, dass sich die Lawine auf ihn und seinen Bruder zu bewegt. Er schreit:"Lawine!"

In dem Moment trifft ihn die Kugel zwischen die Schulterblätter. Sein Pferd macht einen Satz und rennt weg. Wolf liegt mit den Füssen zu den Berggipfeln. Er ist nicht tot, aber die Kugel hat sich ihren Weg durch das Rückgrat gesucht und ihn bewegungsunfähig gemacht. Ken schafft es gerade noch mit Raylan vom Pferd zu steigen, bevor es in wilder Hast vor dem Geräusch der Lawine wegläuft. Ken kann es nicht fassen, da liegt Wolf und sagt nichts mehr. Was soll er jetzt tun? Er wundert sich, dass er noch lebt. Jess Rufen ist nur noch ein Krächzen, als er von der Seite des Felsens ruft:
"Ken, Ken Benson, dein Bruder stirbt. Ich will dich nicht töten, ich will meinen Jungen."

Ken überlegt. Wer soll denn jetzt für ihn sorgen, ihm sagen was er tun soll? Er ruft:
"Wolf ist alles was ich habe, du hast ihn getötet."

Raylan wirft Ken flehende Blicke zu. Die Schneemassen kommen mit Getöse immer näher. Der riesige Mann überlegt. Es ist gut einen kleinen Bruder zu haben, aber es ist kein großer Bruder da, der ihm sagt was er tun soll. Er muss es selbst entscheiden. Das Grollen der Lawine ist in unmittelbarer Nähe.

Jess ruft:
"Ken, um Himmels willen, du kannst dich nicht retten, wirf mir den Jungen zu!"

Mit einem Laut, der an das Brüllen eines Grizzlys erinnert, wirft Ken Raylan in Richtung Jess.

Dann geht er zu seinem Bruder Wolf, geht vor ihm in die Knie und flüstert ihm zu:
"Du warst immer für mich da Wolf, jetzt bin ich für dich da und sorge für dich."

Er wiegt seinen Bruder zärtlich. Die gewaltigen Schneemassen verschlingen beide und reißen sie mit sich ins Tal.

Raylan segelt durch die Luft, seine Arme und Beine wirbeln wild durch die eisige Luft. Als sein kleiner Körper auf Jess fällt und seine verletzte Schulter trifft, kann er einen Schmerzensschrei nicht mehr zurückhalten. Er schafft es den Jungen zu halten und beide werden von den Ausläufern der Schneemassen an die Seite der Baumgrenze geschleudert so lange bis eine große Hemlocktanne sie aufhält.

Als die Lawine im Tal angekommen ist legt sich eine gespenstische Stille über den Purgatory Pass, die nur vom fallenden Schnee unterbrochen wird.

Ein Seeadler landet.

 
 
Ein Rocky Mountain Ziegenbock sichert im auffrischenden Wind.
 
 
 
 
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