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Kapitel 90
 
Jess hatte den hübschen Palomino befreit und den Weg zur Tumbleweed in strömendem Regen zurückgelegt. Die Säcke mit den Gewichten, die Hancock aufgelegt hatte, waren nass. Genau so durchnässt waren Pferd und Jess als sie zu Hause ankamen.
 
 
Laura hatte noch in der Nacht eine warme Decke über ihren Mann gelegt, der bei dem gequälten Pferd eingeschlafen war.
 
 
So passiert es, dass sich Jess noch außer dem Ärger mit Hancock und dem Sheriff als Zugabe zur Rettungsaktion eine saftige Erkältung einfängt. Als Ex-Cowboy und Bullrider nimmt er aber keine Rücksicht auf seine Befindlichkeit und arbeitet sein normales Arbeitspensum ab mit Füttern, Ausmisten, Beritt, seine Bullen versorgen. Für einen Nachbarn hat er einen schwierigen Pinto zuzureiten. Jess macht es auf seine Art, immer wieder rauf und langsam hinten runter, keine Gewalt gegenüber dem Pferd.
 
 
Nach fast drei Wochen immer dasselbe Spielchen ist der Pinto so weit, dass er Jess auf seinem Rücken duldet. Damit ist der schwierigste Teil geschafft.
 
 
Jess erzählt es stolz beim Abendessen wozu sein Vater Frank nur meint:
Junge, du arbeitest zu viel.

Jess meint nur:
Von nichts kommt nichts, Husten und Schnupfen sind ja weg, das geht schon.

Am nächsten Tag hat sich Patrick den VB-Mix zum Beritt vorgenommen und Jess hat Shannon gesattelt.

 
 
Patrick hat schon beobachtet, dass Jess sich schwer getan hat den Sattel auf Shannon zu heben.
Boss, was ist los? Stimmt was nicht?

Jess keucht:
Lass mich in Ruhe Patrick, ich kann nicht, ich gehe ins Haus, reite eine Runde auf Shannon, nicht dass er meint es läuft jetzt immer so.

Patrick wundert sich über seinen Boss, beobachtet wie er langsam ins Haus geht und macht was Jess ihm befohlen hat. Der geht ins Haus, schafft es seine Stiefel im Flur auszuziehen, er will ja keinen Ärger mit Laura, und nimmt die Treppe nach oben ins Schlafzimmer in Angriff. Auf halber Höhe durchfährt ihn ein Schmerz in der Brust so heftig, dass er sich hinsetzen muss. Die kleine Jolene hat ihren Dad gesehen und weiß sofort, dass es ihm nicht gut geht. Sie läuft sofort zu Laura und ihrem Grandpa in die Küche

Die Beiden bereiten das Abendessen für alle vor und haben Jess nicht gehört.
Kommt schnell, Dad geht es gar nicht gut, er sieht ganz schlecht aus. Helft ihm!

Frank und Laura sind alarmiert. Sie helfen ihm auf und dann gleich ins Bett. Sie sind beide der Meinung, er soll sich ausruhen und einschlafen. Essen verweigert er, weil ihm ohnehin übel ist. In der Nacht bekommt Laura neben Jess keine Ruhe. Dreimal setzt er sich auf im Bett und keucht, dass er keine Luft mehr bekommt. Laura nimmt ihn in ihre Arme und beruhigt ihn.
Atme langsam ein und wieder aus, ein und wieder aus, es ist gleich vorbei!

Beim nächsten Anfall kommt Opa Frank in seinem weiten weißen Nachthemd, weil er einen erschreckten Aufschrei von Laura hört. Jess erschreckt sich noch mehr und steht fast senkrecht im Bett.
Dad, ich ersticke fast und du musst mich jetzt noch so erschrecken, ich war gerade wieder etwas eingeschlafen.

Jess zieht nur Schlafanzüge an. Er mochte schon als kleiner Junge keine Nachthemden. Er hat immer zu seinen Eltern gemeint, er wäre doch kein Mädchen. Auf den Rodeos in Großstädten kam er in große Geschäfte, die für Herren bessere Nachtbekleidung anboten als Nachthemden. Vorher schlief er in Unterwäsche, da war man auch in der Cowboyzeit schnell wieder in Jeans und Hemd, wenn mit den Rindviechern was war.

Laura und Frank machen sich die größten Vorwürfe warum sie nicht eher gemerkt haben, dass mit Jess etwas nicht stimmt. Laura meint:
Es ist unglaublich wie nahe Jolene ihrem Vater ist. Sie hat es sofort gesehen. Wenn ich bloß wüsste was das ist! Diese Anfälle sind schrecklich.

Frank meint in Erinnerung an seine verstorbene herzkranke Frau:
Ich habe Angst, dass er was mit dem Herzen hat. Bei Margaret hat es auch in dem Alter angefangen und wurde dann immer heftiger. Wir müssen jetzt sofort den Doc holen oder kommt Abby heute noch vorbei?

In dem Moment hört er Jess aus dem Schlafzimmer rufen:
Dad, kommst du mal? Ich muss mit dir reden, es ist wichtig.

Frank geht ins Schlafzimmer und sieht seinen Sohn an.
Dad, ich kann so nicht mehr. Wenn der da oben will, dass mein Trail jetzt zu Ende geht, kümmerst du dich um Laura und die beiden Mädchen? Ich hätte was regeln müssen. Jolene hat als uneheliches Kind keinerlei Rechte auf die Ranch. Ich will aber, dass sie den gleichen Anteil bekommt wie Loretta als eheliches Kind. Ich habe die Mädchen doch gleich lieb. Würdest du dich darum kümmern? Ich weiß nicht wie ich das regeln kann. Ich kann doch nicht Laura einfach bitten, Jolene zu adoptieren. Das würde rechtlich alles klarstellen. Dann tu mir noch den Gefallen und leg mir meine Jacke aufs Bett.

Frank ist erschrocken. Er weiß, dass sein Sohn immer den Colt in einer Jackentasche bei sich trägt. Geistesgegenwärtig dreht er Jess den Rücken zu und lässt die Pistole in seine große Tasche der Latzhose verschwinden.
Junge, es wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird. Heute kommt der Doc oder Abby und dann werden wir sehen was mit dir ist. Das wird schon wieder!

Jess knurrt nur:
Du hast ja auch nicht die Schmerzen und brauchst nicht ersticken. Du hast leicht reden. Übrigens sagt Henderson Bescheid, dass ich nicht kommen kann wegen seinem Zugpferd und guckt nach meinem alten Splash. Der scheint was auszubrüten.

 
 
Jess hängt sehr an seinem alten Splash, den ihm sein Vater im Alter von acht Jahren geschenkt hat. Er ist ein Teil seiner Kindheit und Cowboyzeit und muss jetzt über 20 Jahre alt sein. Frank sagt:
Patrick hat das alles im Griff. Wir kümmern uns um alles und du sollst endlich abschalten von deinen Sorgen und dem Ranchalltag. So wird es mit dir nicht besser Junge.

Jess:
Bitte schick Laura, lasst mich nicht allein hier. Ich habe Angst vor dem nächsten Anfall und Schmerzen habe ich auch.

Laura ist schon vor der Tür. Sie ist nicht fähig zu Jess zu gehen.
Frank, ich habe so große Angst um Jess. Er war immer ein guter Ehemann. Er hat mich nie geschlagen und hat mich immer auf Händen getragen. Er hat mir alle Wünsche erfüllt. Unsere teuren Eheringe, White Satin und ihr Fohlen

 
 
die schöne Jacke aus New Orleans
 
 
und er war so stolz, dass ich mit unserem Quarterhorse den Pokal auf der Pferdeshow geholt habe. Soll das alles vorbei sein?

Frank hat eine Kloß im Hals und umarmt Laura tröstend. Da erscheint Jolene.
Ich habe so Angst um Dad, Mom. Er ist so krank und es geht ihm so schlecht.

Laura kullern die Tränen.
Jolene, ich auch, glaub mir. Wenn ich nur wüsste was wir für ihn tun können außer da sein. Jolene, du hast "Mom" zu mir gesagt.

Jolene schluchzt.
Ja, ich habe zwei Moms, eine im Himmel und dich. Du bist doch so lieb und wir machen alles zusammen und Loretta ist meine kleine Schwester, die ich auch ganz lieb habe.

Frank hat alles gehört und ist genau so gerührt wie Laura. Er sagt ihr aber nichts von der Sache mit dem Colt sondern schließt ihn im Gewehrschrank ein und nimmt den Schlüssel an sich. Von Patrick haben sie gehört, dass Abby ohnehin bei ihren Hausbesuchen mit denen sie an der Reihe ist, auf der Tumbleweed vorbei kommt. Sie reitet ihren Joker, den Jess ausgebildet und ihr verkauft hat.

 
 
Jolene rennt Abby gleich entgegen und sie hebt sie auf Joker.
 
 
Hallo Abby, du musst meinem Dad helfen, er ist ganz schlimm krank.

Abby ist erschrocken und Frank erzählt ihr was alles passiert ist.
Kann es sein, dass mein Sohn die Herzschwäche meiner Frau geerbt hat? Diese Anfälle waren bei ihr genau so.

Abby beruhigt Frank und Laura, die auch gekommen ist.
Als Jess den Zusammenstoss mit dem Grizzly hatte, habe ich ihn einige Male abgehört. Er hat ein kräftiges Herz. Wenn er das nicht hätte könnte er nicht die Jahre als Cowboy bei Henderson und dann acht Jahre Rodeo als Bullrider durchgestanden haben. Was er hier auf der Ranch leistet ist auch körperlich nicht ohne.

Laura schluchzt:
Und ich habe ihn vorgestern noch Holz hacken lassen, weil keins mehr da war und er hat es getan.

Frank tröstet sie:
Du konntest es doch nicht ahnen. Er sagt ja auch nie was. So war er schon als kleiner Junge, Zähne zusammenbeißen und durchhalten.

In der Zwischenzeit war Patrick bei Jess und hat ihn beruhigt, dass alles auf der Ranch seinen Gang geht und mit Splash alles o.k. ist. Abby klopft an die Tür und geht ins Schlafzimmer, das Patrick wieder verlässt:
Hallo Jess, wie geht es uns denn?

Jess guckt sie an.
Hi Abby, ich habe keine Ahnung wie es dir geht aber mir geht es ganz beschi..,sorry bescheiden.

Abby muss trotz allem grinsen. Laura ist inzwischen auch da und hilft Jess sich aufzusetzen damit Abby die Lunge abhören kann.

Sie meint:
Die gute Nachricht, die Lunge ist frei, die schlechte, dein Herz stolpert ganz gewaltig, genauso wie dein Puls rast. Kein Wunder, dass du nicht zur Ruhe kommst Jess! Hattest du eine Erkältung in der letzten Zeit?

Jess nickt.
Aber die ist doch weg.

Abby
Die ist dir aufs Herz gegangen. Du hättest dir ein paar Tage Ruhe gönnen sollen, dann wäre das nicht passiert. Das ist eine Herzmuskelentzündung. Damit müsstest du eigentlich ins Krankenhaus nach Cheyenne. Dort können sie dir eher helfen. Dein Herz schafft es nicht deinen Körper mit Sauerstoff zu versorgen, daher hast du so bläuliche Lippen und bist so kraftlos.

Jess steht fast senkrecht im Bett.
Vergiss es nach meinen Erfahrungen in New Orleans, nicht nochmal, eher erschieße ich mich. Mit 20 Mann auf einem Saal, endlich pennt man und dann kommen sie morgens um 6 und knallen dir einen kalten Waschlappen ins Gesicht. Dabei soll man gesund werden, nein, nicht mit mir!

Abby
Jess, nun mal langsam, du bist ohnehin so nicht transportfähig. Du musst ruhiger werden. Das bekommst du nur mit viel Ruhe und Schlaf auskuriert, aber du bist unmöglich und wie immer hektisch. Nur bei deinen Pferden und Bullen hast du die Ruhe weg.

Frank und Laura sind entsetzt.
Was soll jetzt werden?

Abby sucht in ihrer Tasche und hat eine ziemlich große Tablette in der Hand, die Jess mit einem großen Glas Wasser schlucken muss.

Und was passiert jetzt? meint Jess.

Abby
Wirst schon sehen! Kann nicht mehr so lange dauern.

Nach einer Viertelstunde meint Jess, der kaum noch die Augen aufhalten kann:
Irgendwie bin ich furchtbar müde.

Er rollt sich auf die rechte Seite und ist auch schon weggetreten. Abby, Laura und Frank sind erleichtert, dass von ihm kein weiterer Widerstand mehr kommt, keine Frage mehr nach Ranchbelangen, nach Splash, nach Jugendreiterstunden. Jess schläft den Tag durch und auch die nächste Nacht ohne weitere Herzanfälle. Abby lässt es keine Ruhe, sie ist am frühen Morgen wieder zur Stelle, fühlt einen entschieden ruhigeren Puls und auch der Herzschlag ist wieder ruhiger und regelmässiger geworden. Das Abhören bekommt Jess gar nicht mit. Nach einer weiteren Stunde räkelt er sich und wird langsam wach. Er guckt sich um.
Guten Abend alle zusammen!

Abby lacht.
Guten Morgen Jess!

Jess grinst.
Ich glaubs nicht, mir fehlt ein Tag. Gibst du diese Tabletten auch Elefanten, wenn sie nicht schlafen können? Ich fühl mich jetzt besser, mein Herz schlägt nicht mehr bis zum Hals und die Schmerzen sind auch weg.

Abby meint:
Das Schlimmste ist wohl überstanden, aber jetzt nicht übertreiben. Du bleibst noch ein paar Tage im Bett und ruhst dich aus. Dein Vater und Patrick kümmern sich um die Ranchbelange und deine Ladies verwöhnen dich.

In dem Moment kommen Laura und Jolene mit Frühstück für Jess auf einem Tablett. Jolene meint ganz stolz:
Dad, das Brot habe ich zusammen mit Mom gebacken. Du isst es doch so gern.

Jess stutzt.
Mom?

Laura guckt Jess glücklich an.
Jolene sagt Mom zu mir. Wir haben so große Angst um dich gehabt.

Beide geben Jess einen Kuss und er macht sich über das Frühstück her.
Dann ist ja meine Krankheit doch für was gut, wenn wir jetzt eine richtige Familie sind. Das Brot ist großartig, aber der Kaffee? Laura sei ehrlich, sind da vier oder fünf Kaffeebohnen drin? Man kann ja bis den Grund der Tasse gucken.

Laura grinst:
Darling, dein Herz! Keine Aufregung, keinen Alkolhol, also keinen Cowboykaffee und stark darf der Kaffee auch nicht sein. Das wird die nächsten Tage wohl so bleiben. Das hat Abby so befohlen und daran halten wir uns, stimmts Jolene!

Jess grinst:
Der Durst treibts rein und sobald ich darf, fahren wir nach Laramie und machen die Sache mit der Adoption klar. Jolene, dann ist Laura ganz offiziell deine Mom und wir sind eine richtige Familie auch vor dem Gesetz.

Laura, Frank und Jolene sind glücklich, dass Jess wieder auf dem Weg der Besserung ist. Abby hat ihn sich noch einmal vorgeknöpft und ihm klargemacht sich weiterhin zu schonen und viel zu schlafen. Nach einigen Tagen darf er auch wieder stundenweise aufstehen und beschäftigt sich mit seinen Girls. Laura hat ein Auge drauf, dass er sich nicht zuviel zumutet.

 
 
Manche Tage sieht er sehnsüchtig nach draußen auf seine geliebten Bullen, die ihm Laura auf die Weide unterhalb des Schlafzimmers gestellt hat.
 
 
Nach weiteren drei Wochen gibt Abby die Erlaubnis nach Laramie zu fahren und Jess und Laura machen die Adoption von Jolene klar. Die Behörden legen keine Schwierigkeiten in den Weg, da Jess und Laura verheiratet sind und mit Loretta ein eheliches Kind existiert und so hat Jolene wieder eine Mom und nicht nur einen Dad, der stolz auf seine Familie ist.
 
 
 
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