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Kapitel 133
 
Nach einigen Tagen bekommt Frank einen langen Brief von seiner Schwägerin, der Frau seines ältesten Bruders Carl aus Wilburton, Oklahoma.

Sie bittet Frank darum sie zu besuchen. Ihr Mann möchte seinen Bruder so gern wiedersehen. Frank bespricht sich mit Jess und Laura. Jess meint dazu:
Nur zu Dad, fahr, wenn du deinen ältesten Bruder noch einmal sehen willst. Das ist alles mit der Eisenbahn machbar. Ich kann mich ehrlich gesagt nur ganz dunkel an Onkel Carl und Tante Hetty erinnern. Später war ich noch einmal bei ihnen als ich in Wilburton beim Rodeo war. Da hat sich ein Besuch angeboten. Onkel Carl ging es damals schon nicht so gut. Er hat zwar gut verdient als Sprengmeister in der Kohlemine aber dieser ständige Husten.... nichts für mich, wenn der da oben gewollt hätte, dass ich unter Tage buddeln soll, dann wäre ich Maulwurf oder Präriehund geworden. Ich bin froh, dass wir die Ranch haben. Die Minenbosse versprechen den neuen Einwanderern den Himmel auf Erden und die Wirklichkeit ist ein karges Leben im Dreck mit wenigen Dollars und eine Staublunge obendrein. Sie meinen hier in den USA wird alles besser und kommen vom Regen in die Traufe. Onkel Carl geht es ja noch vergleichsweise gut finanziell.

So kommt es, dass Frank drei Wochen lang zu seinem Bruder nach Oklahoma mit der Bahn fährt. Die Zeit ist schnell um. Frank schickt Jess ein Telegramm wann er in Laramie ankommt damit er abgeholt wird. Jess steht pünktlich mit dem Cart am Bahnhof, nimmt seinem Dad die Tasche ab und meint:
Gut siehst du aus, Dad, Tante Hetty hat dich wohl sehr verwöhnt mit ihrem Essen.

Frank antwortet:
Ja Jess, nur Carl geht es gar nicht gut mit der Lunge. Er hat sich so gefreut, dass ich ihn besucht habe. Gut, dass du mir zugeredet hast Jess. Du siehst aber auch nicht schlecht aus.

Jess grinst:
Ich bin heilfroh, dass du wieder da bist Dad. Laura ist auf dem Gemüsetrip mit den Kindern. Patrick und Jeremy meutern langsam und ich habe das Pferdeausdauertraining dazu benutzt immer passend mittags in Nellys Restaurant zu sein. Ich bin doch nicht blöd!

Frank lacht:
Typisch für dich, muss wohl sehr gut gewesen sein, du hast zugelegt.

Jess guckt an sich runter.
Ich muss zugeben der Hosenbund geht gerade noch zu. So geht es auch nicht weiter. So Dad, ab nach Hause, die Kids freuen sich schon auf dich!

Frank lacht:
Warte noch Jess, ich muss noch etwas aus dem Viehwaggon holen.

Jess guckt überrascht:
Deine Tasche hast du doch. Hast du etwa ein paar Säcke Kohle mitgebracht? Dann freue ich mich auf den Winter. Nicht mehr mitten in der Nacht Holz nachlegen wenn man sich morgens nicht den Hintern abfrieren will.

Frank guckt etwas verlegen.
Nein Junge!

Inzwischen ist der Viehwaggon geöffnet, die Rampe heruntergelassen. Einiges an Zuchtvieh wurde ausgeladen und jetzt ist nur noch ein Pony übrig geblieben. Es guckt verzweifelt ins Helle und mag nicht die Rampe heruntergehen. Der Schaffner drängt:
Los raus mit dem Vieh, ich muss den Fahrplan einhalten! Etwas Eile meine Herren!

Jess guckt Frank an.
Was zur Hölle ist das denn? Ein coal black Pony? Wir haben ja auch noch nicht genug Ponies, Dad.

Frank ist verlegen. Das Pony weigert sich vehement über die Rampe zu gehen. Inzwischen hat sich ein Menschenauflauf gebildet, der sich das Spektakel ansieht. Einer von Hendersons Cowboys ist auch da und ruft:
He Jess, mach dem Vieh doch Feuer unter den Hintern! Hier hast du mein Lasso!

Jess fängt es auf.
Los Dad, jetzt kneif die Arschbacken zusammen, Körperkraft ist nun gefragt. Lange gut zureden ist nicht, der Schaffner hat schon seine Pfeife zwischen den Zähnen. Das Pony lässt uns hier wie Volltrottel da stehen.

Frank nimmt das eine Ende des Lassos und Jess das andere. Opa Frank säuselt:
Los Bonny, lauf schon!

Jess keucht:
Bonny heißt das kohlrabenschwarze Etwas also. Los jetzt, runter mit dir!

Endlich ist es unter dem Beifall der Menschenmenge geschafft. Bonny ist runter von der Rampe und guckt sich verschreckt um.

 
 
 
Jess gibt dem Cowboy das Lasso zurück, der Schaffner klappt die Rampe wieder an den Waggon und pfeift zur Abfahrt des Zuges, der sich langsam in Bewegung setzt.

Jess wischt sich mit dem Bandana den Schweiß von der Stirn.
So Dad, was zur Hölle hat dich dazu bewogen dieses Pony mitzubringen? Wie hast du es eigentlich in den Waggon bekommen?

Frank wischt sich auch den Schweiß vom Gesicht.
In den Waggon ist sie mir einfach gefolgt. Das war kein Problem. Eigentlich heißt sie Ebony weil sie so schwarz wie Ebenholz ist. Der junge Arbeiter aus der Kohlemine meinte, sie hätten sie immer Bonny genannt. Du hättest sie sehen sollen, voller Kohlenstaub, am ganzen Körper Verletzungen, abgearbeitet. Sie war drei Jahre unter Tage und hat schwer arbeiten müssen. Sie sah so abgearbeitet aus, dass der Besitzer der Pferdeverleihfirma sie und andere Ponies und Mulis zu einem niedrigen Preis verkauft hat. Der junge Arbeiter war so glücklich, als ich sagte, die kleine Stute kommt auf unsere Ranch und die Enkelkinder würden sich über sie freuen.

Jess steht da mit Bonny am Halfter.

 
 
Bonny weiß nicht recht was sie von dem Mann halten soll. Grandpa Frank hat sie schon als freundlichen Mann, der ihre Wunden versorgt und sie gefüttert hat, kennengelernt.

Grandpa Frank steht etwas ratlos neben seinem Sohn. Im dunklen Stall war Bonny nie ein Problem.

 
 
Hier draußen spielen ihre Ohren, sie verdreht die Augen erschreckt und ihr ganzer Körper steht unter Spannung.

Jess grinst:
Und da hast du gemeint, du musst das Pony retten und ihm ein besseres Leben bieten. Klar für die Enkel, wir haben ja auch selbst nicht genug Ponies, Dad, Dad, was machst du für Sachen? Warum hast du nicht gleich gesagt, dass es ein Pit Pony ist? Nach einem Leben in völliger Dunkelheit macht ihr draußen die grelle Sonne, die Geräusche, der Wind, einfach alles Angst. Nun weiß ich was wir machen können damit wir heute noch vor dem Dunkelwerden auf der Ranch ankommen.

Kurzerhand nimmt Jess sein Bandana und bindet es Bonny über die Augen.
So Kleine, jetzt brauchst du das Elend draußen nicht mehr sehen und du fühlst dich wohler.

Willig folgt Bonny den Männern im Cart. Zu Hause warten schon alle gespannt auf Grandpas Rückkehr. Frank wird stürmisch begrüßt und die Kinder freuen sich über das Pony.

Jess hat Bonny kurzerhand das Kopfstück von Sparkys "Schlafanzug" angezogen. Da sie ein Pony ist sind bei ihr die Augen von Stoff bedeckt.

 
 
Es zeigt sich, dass die kleine Bonny ein umgängliches Pony ist. Sie stört sich nicht an der Katze auf ihrem Rücken. Nur die Kinder meinen:
Dad, du bist ein Tierquäler.

Jess grinst:
Nein, ich mache es Bonny nur leichter. Sie war ein hart arbeitendes Grubenpony und lebte bisher im Dunklen. Ihr macht alles Helle Angst. Ihre Zeit als Fohlen draußen hat sie sicher vergessen. Sie muss sich erst wieder daran gewöhnen. In den Kohleminen werden Tiere und Menschen geschunden. Vor dem Mining Act arbeiteten auch Frauen und Kinder in den Minen. Das ist jetzt Gott sein Dank verboten. Die Pit Ponies haben einen Lederschutz am Kopf, der sie vor herausstehenden Nägeln und Spänen der Balken schützen soll mit denen der Streb gestützt wird. So etwas kennt sie. Katzen kennt sie auch. Die sind in den Minen zur Mäusebekämpfung.

Jess verdunkelt das Stallfenster und Bonny fühlt sich wohl. Am Abend sitzt Jess am Tisch und grinst. Er kann gar nicht essen, spuckt fast seinen Kaffee über den Tisch, weil er laut losplatzen muss vor Lachen. Frank schüttelt den Kopf.
Sag mal Laura, hast du dem was in den Kaffee getan, so albern kenne ich ihn gar nicht?

Laura wundert sich selbst über ihren Mann. Inzwischen sind die Kinder schon angesteckt von Jess` lautem Lachen. Er kriegt sich gar nicht wieder ein und hält sich schon den Bauch. Er japst:
Das ist einfach zu komisch. Mein alter Herr hält mir vor, dass ich mit den Bullen unnütze Viecher aufnehme und jetzt rettet er Pit Ponies. Ich glaubs einfach nicht und wie wir beim Ausladen wie Volltrottel dagestanden haben! Dad bezahlt das Pony und die Fahrt nach Laramie. Für das Geld hättest du ein Muli oder Pferd der Spitzenklasse gehabt, aber du musst ja ein Pony retten.

Frank ist verlegen.
Lass mich doch Jess!

Jess geht es mit Ebony langsam an. Er nimmt jeden Tag das Kopfstück etwas länger ab damit sie sich an die Helligkeit gewöhnt. Er meint:
Es stimmt übrigens nicht, dass Pit Ponies unter Tage blind werden. Die Ponies sind blind durch Verletzungen an den Augen. Wenn das nicht der Fall ist, kann man sie langsam an die Helligkeit gewöhnen. Eigentlich sollte ein Pony nicht länger als zwei Jahre unter Tage sein, aber das kontrolliert ja keiner. Frauen und Kinder schützt man endlich, aber wo bleiben die Tiere? Es ist schon traurig.

Inzwischen verlängert sich Bonnys Zeit ohne Augenabdunkelung immer mehr und es zeigt sich ihre große Kinderliebe. Laura füttert sie mit einer Möhre und die Kinder putzen sie so lange bis ihr kohlschwarzes Fell glänzt.

 
 
Loretta schrubbt die Beine bis die weißen Abzeichen wieder richtig weiß zu sehen sind. Jolene striegelt was das Zeug hält und auch Raylan hilft kräftig mit.

Jess lacht:
Meint ihr nicht, es reicht langsam, irgendwann hat Bonny keine Haare mehr.

Es kommt der große Tag an dem Bonny erst allein auf die Weide darf.

 
 
 
Sie hat ihre Nüstern im Wind und saugt die frische Luft ein. Langsam machen ihr die Geräusche der Natur weniger Angst und Jess stellt sie zu den anderen Ponies auf die Weide. Schließlich ist es noch Sommer. Die frische Luft auf den Weiden am Fuss der Rocky Mountains tut ihrer Lunge gut und sie erholt sich von den körperlichen Strapazen in der Kohlemine.
 
 
Sogar eine Freundin findet Bonny schnell.
 
 
Grandpa Frank beobachtet Bonny. Jess kommt dazu und klopft seinem Vater auf die Schulter.
Na Dad, verstehst du mich jetzt ein kleines bischen besser? Es gibt einem doch ein sehr gutes Gefühl, wenn man einem Tier helfen kann.

Frank guckt seinen Sohn an und nickt.
Du hast recht. Ich gebe es zu. Das hätte ich nie gedacht. Ich habe dich mit dem Mustangschutzgebiet zu eurer Heirat für einen Spinner gehalten, einen jungen Mann, der zu schnell zu viel Geld in der Hand hatte. Heute begreife ich dich, Laura hat es wohl schon etwas früher getan.

Jess sieht seinen Vater ernst an.
Was heißt zuviel Geld? Ich habe dafür meine Knochen beim Bull Riding hingehalten und wäre in New Orleans fast drauf gegangen. Da überlegt man schon was man tut und mir liegen eben die Tiere am Herzen. Mit der Ranch kann ich beides verbinden. Ich mag eben auch meine Bullen. Es gibt keinen staatlichen Tierschutz. Wenn nicht einzelne Menschen für geschundene Tiere sorgen wer dann?

 
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Was den Tierschutz betrifft steckt man in den USA noch heute in den Anfängen. Für Verbraucher von Versuchstieren ist es ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Nicht mehr gewollte Hunde und Katzen werden in Containern "entsorgt". Es gibt "Kill Shelter", Tierheime in denen nach wenigen Tagen getötet wird.