Nach einem mörderischen Winter in Wyoming, der von Mensch und Tier seinen Tribut verlangt, ist es jetzt Frühling und ein temperamentvoller junger Quarter Horse Hengst tänzelt über die Weide, biegt seinen Hals und und überspringt imaginäre Hindernisse.

Aus einer Laune heraus hat Jess ihn Strawberry Wine genannt, weil ihn sein Anblick gleich an Lauras Erdbeerwein erinnert hat mit dem das Paar wenn die Rancharbeit es zulässt, glückliche Stunden zu zweit verbringt. Beide Elterntiere haben ihr gutes Wesen und ihre Intelligenz vererbt, die Mutter ihre unglaubliche Geschwindigkeit und der Vater seine Größe. Ab und zu schlägt er aus und flehmt nach den rossigen Stuten. Da ist etwas, aber er weiß nicht recht, das ist die Natur. Er soll über die Grenzen von Laramie hinaus berühmt werden, nur tut er es auf eine ganz andere Art wie sein Vater, der manches Rennen gewonnen hat und als Deckhengst im ganzen County beliebt ist.

 

 
Strawberry Wine genießt seine Freiheit und schlägt manches Mal übermütig aus.
 

 

Die Mutter hat Jess durch Kolik verloren als der kleine gerade erst ein Vierteljahr alt war. Aus dem Grund hängt Jess besonders an ihm.

Eines Morgens schreit Hetty in Alarm:
"Jess, Paddy! Kommt doch schnell!"

Der Junghengst ist über den Koppelzaun gesprungen.

 

 

Als die Männer von der Scheune gerannt kommen, sehen sie den marodierenden Junghengst mit den Resten der Wäscheleine, die er umgerissen hat, und Hetty, die vergeblich versucht, den Hengst mit ihrer wedelnden Schürze zu verscheuchen. Erwartungsvoll bleibt er vor dem Küchenfenster stehen mit einem Paar großzügig geschnittenen Damenschlüpfern zwischen den Ohren, die erwartungsvoll nach vorn lauschen. Hetty keucht:

"Das ist das zweite Mal diese Woche, dass dieses Biest aus dem Corral gesprungen ist. Das muss aufhören!"

 

 

Jess beruhigt Hetty:
"Ruhig Hetty! Der guckt nur nach Apfelschalen, die du ihm als Baby gegeben hast."

Hetty stellt sich auf die Zehenspitzen und versucht verzweifelt ihren Schlüpfer zurück zu bekommen:
"Jess, das ist kein Baby mehr. Es ist höchste Zeit, dass er an den Sattel gewöhnt wird und dann draußen arbeitet. Alt genug ist er und das passiert, wenn ein Youngster zu viel Zeit hat, er schlägt aus!"

Jess legt dem Hengst ein Bosal an und reckt sich und gibt Hetty den Schlüpfer zurück. Er kann nicht verhindern, dass er vor Verlegenheit knallrot wird und es liegt nicht am Wetter. Inzwischen ist Frank, der den Tumult gehört hat, dazu gekommen und grinst:
"Jess, du kennst also Lauras Schlüpfer genau, so so, der hier gehört meinem Täubchen. Aber Hetty hat recht. Es wird Zeit, dass du Hand an den verrückten Hengst legst. Der ist fertig zum Einreiten wie er nur fertig sein kann."

Jess sagt nichts mehr und führt den Hengst mit hochrotem Kopf zurück in den Corral. Er braucht alle Kraft um den renitenten Burschen zu halten.

 

 

Frank grinst sich eins, er hat Spaß seinen Sohn in Verlegenheit zu bringen:
"Die Frauen können die Wäsche nochmal waschen wegen diesem Burschen, so geht das nicht. Morgen werde ich mit Raylan angeln gehen und du wirst dich damit beschäftigen, den Corralzaun zu erhöhen und eine neue Wäscheleine zu bauen. Und dann sieh zu, dass dieser Bursche endlich unter den Sattel kommt! Baby, dass ich nicht lache!"

Jess muss sich fügen. Im tiefsten Inneren weiß er, dass sein Vater recht hat. Im Wyoming der damaligen Zeit ist kein Platz für Pferde, die einfach nur durch Schönheit glänzen sondern sie müssen nützlich sein, sich bei der Ranch- oder Farmarbeit beweisen. Zähneknirschend erweitert er erst den Corral um weitere Latten in die Höhe und widmet sich dann dem Bau einer neuen Wäscheleine, Stangen fest eingraben und länger als die alte. Als er die Wäscheleine gespannt hat, bewundert er seine Handarbeit. Da kommt Hetty mit einem Glas Limonade, die Jess in wenigen Schlucken austrinkt. Hetty schmunzelt:
"Komm gleich in die Küche zum Lunch! Du wirst alle Kraft brauchen, wenn du diese Bestie reiten willst Jess."

Jess rollt mit den Augen und sagt nichts mehr dazu. So schlimm ist doch sein Strawberry Wine nicht, eben ein übermütiger Junghengst, der ihm zugegeben einiges an zusätzlicher Arbeit gemacht hat. Selbst Paddy meint:
"Hetty und Frank haben recht. Höchste Zeit den Burschen zuzureiten! Soll ich dir behilflich sein Jess?"

Der antwortet:
"Nein, aber ich habe nichts dagegen, wenn du ein bisschen am Corral herumhängst, nur für den Fall...Paddy."

Paddy weiß, dass Jess nie um Hilfe bitten würde. Aber es gibt keinen besseren in der Gegend, der diesen Hengst zureiten könnte. Paddy fühlt sich gut, dass er dabei sein soll.

Strawberry Wine hat den Sattel schon manches Mal getragen, wenn einer der beiden Männer Leerlauf bei der Arbeit hat, so ist er an das Gefühl ihn zu tragen bereits gewöhnt und es ist auch keine große Sache für ihn als Jess das Bosal überstreift. Der Hengst guckt ruhig, weil er es auch schon vorher getragen hat. Er bleibt auch ruhig als Jess ihn in den Corral führt. Als Jess den Sattelgurt fest zieht, regen sich seine Sinne. Jess fühlt es mit Besorgnis und ein wenig Aufregung. Er spricht beruhigend mit dem Hengst, den er zärtlich Reddy nennt. Jess tätschelt seinen Hals und guckt rüber zu Paddy, der ihm ermunternd zunickt. Er stellt seinen Fuß in den Steigbügel und schwingt sich leicht in den Sattel.

Für einen kurzen Moment ist Reddy verwirrt. Wo ist Jess hin, gerade war er doch noch da? Als Jess von oben zu ihm spricht und ihn weiter streichelt, entspannt er sich. Er merkt das zusätzliche Gewicht auf seinem Rücken, aber solange Jess zu ihm spricht ist alles für ihn in Ordnung.

"Okay Bursche!" sagt Jess mit tiefer, weicher Stimme und erhöht den Druck der Schenkel.
"Lass uns laufen!"

Reddys erste Schritte sind wackelig. Er braucht Zeit um sich unter dem Reiter auszubalancieren. Jess sitzt ruhig und nach einigen Schritten läuft der Hengst vertrauensvoll. Seine Ohren gehen immer vor und zurück und suchen die Stimme von Jess. Der hält die Zügel nur leicht und leitet den Hengst nur mit Schenkeldruck durch den Corral. Das Reining ist Training an einem anderen Tag.

Nach zehn Minuten im Kreis gehen, ruft Jess den Hengst an und erhöht den Schenkeldruck. Reddy versteht sofort und fällt in einen etwas wackeligen Jog, weil er sich wieder ausbalancieren muss. Jess lässt ihm wieder die Zeit, die er braucht und bald fällt der Hengst in einen ruhigen Jog mit aufmerksamen Ohren nach hinten gerichtet auf das was Jess mit seiner tiefen ruhigen Stimme sagt. Pferd und Reiter sind entspannt. Das ist der Beginn vom Rest des Lebens von Strawberry Wine. Er ist das wofür er gezüchtet ist, arbeiten und ein Partner des Menschen zu sein. Er ist jetzt ein Pferd mit Job und das ist gut.

Paddy beobachtet seinen Boss im Sattel. Er ist jedes Mal fasziniert wieviel Vertrauen die jungen Pferde zu Jess haben. Es gibt kein lautes Brüllen oder Machogehabe, nur Güte und Geduld. Wen wundert es, dass es ein im ganzen County respektierter Verkaufspunkt ist, dass Jess ein Pferd gezähmt hat?

Paddy lächelt, weil nun eine hoffentlich gute gemeinsame Zeit zwischen Jess und Strawberry Wine beginnt.